10.77°C

Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Tuesday, 22. October 2019 · 00:18 Uhr
 
 
 

Dachauer Tag der Artenvielfalt

»Wir brauchen radikale Forderungen!«

Daniel Stöckel bei der Exkursion ins NSG Schwarzhölzl (Foto: privat)

Der Dachauer Tag der Artenvielfalt fand am Freitag, dem 24. Mai statt. Veranstaltet wurde er von Dachauer Forum, KLVHS Petersberg, Landschaftspflegeverband Dachau, Gebietsbetreuer in Bayern, Verein Dachauer Moos, Bund Naturschutz Dachau, Landesbund für Vogelschutz Dachau und Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt Dachau.

»Es ist zu spät für Pessimismus!«, gab Michael Schrödl beim Dachauer Tag für Artenvielfalt seinen Zuhörern mit auf den Weg. »Fangen Sie da an, wo es Ihnen am leichtesten fällt.« Der Professor für Zoologie und Buchautor appellierte an die Zuhörenden, aktiv zu werden, sofort und auf allen denkbaren Ebenen. Schrödls Bestandsaufnahme ist niederschmetternd. »Es gibt viele Prognosen. Eines haben sie gemeinsam, sie werden immer übler, diese Prognosen.« Der Mensch sei von allen anderen Ökosystemen abhängig. Und klar sei auch, »Es ist völlig illusorisch zu glauben, dass wir uns in Bayern von der globalen Entwicklung abkoppeln können. Das können wir nicht.« Michael Schrödl verwies auf die »Warnung der Wissenschaftler der Welt an die Menschheit«, die für die wesentlichen Umweltprobleme zeige, dass es immer schlimmer werde. Schrödl sagt: »Wenn wir wirklich so weitermachen, dann traue ich mich zu behaupten, dass sich bis zum Jahr 2050 die Zivilisation erledigt hat.«

Michael Schrödl leitet die Weichtiersektion an der Zoologischen Staatssammlung München. Aufgewachsen im Münchner Stadtteil Obermenzing war er schon als Junge mit dem Schmetterlingsnetz unterwegs. Auch später als Naturschutzwächter beobachtete er die Veränderung der Natur. Viele Tierarten, die er damals entdeckte, gibt es heute nicht mehr. Sein persönlicher Wendepunkt kam im Jahr 2010. Online berechnete Schrödl den eigenen ökologischen Fußabdruck und war über das Ergebnis mehr als erstaunt. »Damals hätte ich 9 Planeten für mich gebraucht.«

Seitdem versucht seine Familie, den eigenen Lebensstil ökologischer zu gestalten. »Ich kompensiere mein CO2. Wir bemühen uns um ökologische Ernährung.« Das Haus der Familie wurde renoviert und damit der Energieverbrauch deutlich reduziert. Im Garten gibt es nicht nur eine, sondern viele »gschlamperte Ecken«. Heute liegt der ökologische Fußabdruck des Wissenschaftlers bei 2 Planeten. Das sei weltweit gesehen immer noch zu viel und liege irgendwo zwischen Brasilien und China. 0,7 Planeten fallen schon deswegen an, weil Schrödl in Deutschland lebt. »Das ist die Infrastruktur hier.« Die Lösung für ihn persönlich liegt in der CO2-Kompensation. Einen Haken hat das Ganze allerdings: »Wir können persönlich alles gut machen, wenn andere alles schlecht machen, dann ist der Effekt weg.« Politisches Engagement sei hier gefragt, mehr Information für alle.Und, so sagt der Wissenschaftler: »Wir brauchen radikale Forderungen!«

Am Dachauer Tag der Artenvielfalt führte Daniel Stöckel drei Stunden lang, in mehreren Exkursionen, durch das Naturschutzgebiet Schwarzhölzl. Stöckel verbringt seit seiner Jugend nahezu seine gesamte Freizeit in diesem Gebiet und kennt es wie seine eigene Westentasche. Auch heute noch wendet der Rentner aus Karlsfeld etwa 400 Stunden im Jahr für die Pflege des Naturschutzgebiets vor den Toren Münchens auf. Ohne die gezielte Unterstützung schützenswerter Vegetation und den Kampf gegen zerstörerische Neophyten wie etwa den großen Bärenklau wäre das Naturschutzgebiet bald Vergangenheit.

Etwa 450 Pflanzenarten beherbergt das Schwarzhölzl, 40 davon stehen auf der Roten Liste. Seit 1994 Naturschutzgebiet, verdankt das Schwarzhölzl seine Existenz einer Einzelperson: Josef Koller, 2010 verstorben, hatte die Erhaltung des Schwarzhölzls zu seinem Lebenswerk gemacht und sorgte nicht zuletzt mit seinem Nachlass für dessen Erhaltung. Drei der sechs hier heimischen Enziansorten zeigte Stöckel den Exkursionsteilnehmern, dazu Orchideen, die einzige hier lebende Farnart und als unscheinbare Raritäten seltene Gräser. Früher weit verbreitet und von den Moosbauern als Einstreu genutzt, sind sie inzwischen extrem selten geworden.

Flora und Fauna im Naturschutzgebiet verändern sich ständig: Mit dem Torfabstich im Dachauer Moos begann die Entwässerung der Fläche bereits vor mehr als 200 Jahren, der Bau und Betrieb der Ruderregattastrecke ab Anfang der 70er Jahre beschleunigte sie rasant. Seit den 70er Jahren ist der Grundwasserspiegel um 2 Meter gesunken. Ganz andere Probleme bringt der steigende Bedarf nach Naherholung in der Boomregion München mit sich. Jeder Besucher der grünen Oase Schwarzhölzl kann zu ihrem Erhalt beitragen, indem er sich an einfache Regeln hält, auf den Wegen bleiben, Hunde an der Leine führen, keine Pflanzen mitnehmen.

Weitere Exkursionen:  Ausflug in die Welt unserer heimischen Wildbienen mit Dr. Andreas Dubitzky - Vogelexkursion in das Glonntal mit Christian Fackelmann - Baumvielfalt am Petersberg mit Beratungsförsterin Lisa Schubert - Aue im Wandel im Ampertal mit Gebietsbetreuer Sebastian Böhm