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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Tuesday, 7. April 2020 · 09:23 Uhr
 
 
 

»Am schönsten ist der Urlaub dahoam«

Der bayerische Wirtschaftsminister und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger im Regiestuhl-Interview

Hubert Aiwanger ist gelernter Landwirt. Nach dem Studium (Agraringenieurwesen an der FH Weihenstephan) schloss er sich 2002 den Freien Wählern an, die ihn 2006 zu ihrem Landesvorsitzenden wählten. Seit 2010 ist er Bundesvorsitzender. Im Bayerischen Landtag sitzt er seit 2008. Zehn Jahre später wurde er zum Stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt und ist amtierenden Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung (dazu gehört auch der Tourismus) und Energie im Kabinett Söder. Das nennt man eine steile Karriere für einen Bauern aus Niederbayern. Aiwanger sitzt überdies im Landshuter Kreistag und im Stadtrat von Rottenburg an der Laaber. Trotz vieler Ämter und Termine nahm er sich bei seinem Besuch in Dachau anlässlich einer Veranstaltung der Bayern Tourismus GmbH zum Thema Barrierefreiheit Zeit für den KURIER.

KURIER: Der Grund für ihren Besuch ist die Abschlussveranstaltung des Projekts »Reisen für alle«, bei dem es um Barrierefreiheit und Inklusion geht. Wohin sind Sie zuletzt verreist und wohin wird es das nächste Mal gehen?

Aiwanger: Privat verbringe ich meinen Urlaub am liebsten in Bayern. So spare ich nicht nur Emissionen, sondern unterstütze auch den Tourismus in Bayern.

KURIER: Das heißt, sie schauen Sie bei der Wahl Ihres Urlaubsziels auch auf Nachhaltigkeit, den ökologischen Fußabdruck?

Aiwanger: Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind mir sehr wichtig – auch bei der Wahl des Urlaubsziels. Deshalb steht für mich der Urlaub in Bayern an erster Stelle. Über das persönliche Urlaubsverhalten kann jeder einzelne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Bayern hat viel zu bieten und wir werden unsere Anstrengungen für einen gastlichen Urlaub in den nächsten Jahren noch verstärken. Auch wenn die bayerischen Destinationen nicht jede Fernreise ersetzen: Franken, Ostbayern, das Allgäu, Bayerisch Schwaben und Oberbayern bieten eindrucksvolle Erlebnisse, Wasser- und Naturlandschaften, Kulturangebote, Traditionsfeste, kulinarische Schmankerl und Abenteuer für einzigartige „Urlaube dahoam“.

KURIER: Wie tanken Sie im Allgemeinen Ihre Energiereserven auf?

Aiwanger: Ich bin gerne in der Natur - am liebsten mit meiner Familie oder auch beim Jagen im Wald. In der Natur kann ich am besten abschalten und meine Energiereserven auftanken.

KURIER: Der Tourismus soll in Bayern mehr in die Fläche gebracht werden. Wie?

Aiwanger: Bisher unterstützen wir den Tourismus in Bayern mit jährlich rund 64 Millionen Euro. Künftig werden wir die Ausgaben um etwa 30 Prozent steigern. Damit bauen wir die Werbung aus, treiben die Digitalisierung im Tourismus voran und unterstützen das Hotel- und Gaststättengewerbe.

KURIER: Gerade den Gaststätten in den ländlicheren Gebieten geht es häufig nicht gut. Wie kann man den verbliebenen Wirten helfen?

Aiwanger: Dafür haben wir ein das Gaststättenmodernisierungsprogramm auf den Weg gebracht. Mit diesem speziellen Förderprogramm wollen wir die bestehenden Kapazitäten im Gastronomiebereich erhalten, ausbauen und zukunftsfähig machen. Allein dafür stellen wir jährlich 15 Millionen Euro zur Verfügung.

KURIER: Wie kommt man an das Geld heran?

Aiwanger: Die Antragstellung wird voraussichtlich ab Mai elektronisch möglich sein, zuvor muss der Haushalt beschlossen werden. Die Abwicklung der Förderung erfolgt dann über die Regierung des jeweiligen Bezirks.

KURIER: Haben Sie weitere Konzepte für die Aufwertung des ländlichen Raums?

Aiwanger: Das Leben auf dem Land muss wieder attraktiver werden. Dazu muss die Gesundheitsversorgung verbessert und die Wirtschaft gestärkt werden. Wir setzen uns deshalb für die Erhaltung kleiner Krankenhäuser und für die Verbesserung der ärztlichen Versorgung vor Ort ein. Außerdem wird jeder Regierungsbezirk außerhalb der Großstädte ein digitales Gründerzentrum bekommen. Es bietet nicht nur Räumlichkeiten, sondern vor allem ein Netzwerk vor Ort an. Wie bei den bisherigen digitalen Gründerzentren ist uns auch an den neuen Standorten die Einbeziehung der Akteure im Einzugsgebiet besonders wichtig. So profitiert die gesamte Region.

KURIER: Gehört die flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet auch dazu?

Aiwanger: Schnelles Internet ist die Grundlage vieler Geschäftsmodelle und daher essentiell für die Aufwertung des ländlichen Raums. Geschäftspartner vernetzen sich digital und Produktionsprozesse werden IT-gestützt gesteuert. Daher treiben wir auch eine flächendeckende Mobilfunkversorgung voran. Beim Bund setzen wir uns für die Verpflichtung zum lokalen Roaming ein. Im Land haben wir ein Mobilfunkförderprogramm für Gemeinden gestartet. Sie vom Mobilfunkzentrum in Regensburg unterstützt und beraten. Das Förderprogramm sieht vor, die Kosten für Masten, Fundamente und Leerrohre, also die passive Infrastruktur, mit bis zu 80 Prozent zu fördern. Die Mobilfunkbetreiber mieten die Standorte und installieren dort ihre modernen LTE-Sendeanlagen.

KURIER: Die Metropolregion München liegt in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite eine starke Wirtschaft, die Arbeitsplätze schafft und Menschen anlockt. Anderseits zu wenig Wohnraum, zu hohe Lebenshaltungskosten und Verkehrsprobleme auf Straße und Schiene. Ist das ein unlösbarer Knoten?

Aiwanger: Hier gibt es viele Stellschrauben, die uns helfen den Knoten zu lösen, zum Beispiel durch die Stärkung des ländlichen Raums. Viele Bürger ziehen des Jobs wegen in die Städte, oder pendeln täglich von außerhalb. Wenn die Attraktivität des ländlichen Raums für Unternehmen und Bürger wieder steigt, kann sich auch die Situation in den Metropolregionen entzerren. Schon jetzt kann durch flexible Arbeitszeitmodell der Weg ins Büro vermieden werden. Eine bessere Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln entlastet den Autoverkehr, sowie der Ausbau von Fahrradwegen.

KURIER: Schauen Sie als Landwirt Ihrer Kollegin Michaela Kaniber manchmal sehnsüchtig über die Schulter und fragen sich, wie sie selbst das Amt ausüben würden?

Aiwanger: Ich habe mir das Wirtschaftsministerium ergänzt durch die Landesentwicklung explizit ausgesucht. Im Wirtschaftsministerium haben wir eine breite Themenpalette – vom Mittelstand bis zur Großindustrie, von der Energiewende bis zu den Wirtshäusern. Wir haben viel zu tun, können aber auch viel für die Nachwalt gestelten und voranbringen.Das schönste an meiner Aufgabe.

KURIER: Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit der Kohleausstieg gelingt? Und wir in Bayern keine Probleme mit der Versorgungssicherheit bekommen...

Aiwanger: Wir brauchen sowohl in Deutschland als auch in Bayern ein Gesamtkonzept. Nur so lässt sich die Energieversorgung sicher, bezahlbar und umweltfreundlich gestalten. Das beinhaltet den stärkeren Ausbau erneuerbarer Energien und die Entwicklung von Speichermöglichkeiten. Zusätzlich brauchen wir regionale Gaskraftwerke, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Energiegewinnung soll vor Ort stattfinden. So können die Bürger*innendie Energiewende mitgestalten. Das bringt Akzeptanz und eine Wertschöpfung vor Ort.

KURIER: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview: Andreas Förster

Foto: Sessner Dachau

Ich bin keinesfalls sehnsüchtig. Ich habe mir das Wirtschaftsministerium ergänzt durch die Landesentwicklung explizit ausgesucht. Im Wirtschaftsministerium haben wir eine sehr breite Themenpalette – vom Mittelstand bis zur Großindustrie, von der Energiewende bis zu den Wirtshäusern. Wir haben hier zwar viel zu tun, können aber auch sehr viel voranbringen. Gerade die Tatsache, dass wir viel bewegen können und etwas für Nachwelt gestalten können, ist das schönste an meiner Aufgabe.