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Tuesday, 7. April 2020 · 09:03 Uhr
 
 
 

»Musik ist sehr emotional, aber auch eine Geschäftsidee«

Moderator und Autor Fritz Egner im Interview auf dem »dachauer regiestuhl«

BR-Moderator Fritz Egner liest in Dachau aus seinem Buch »Mein Leben zwischen Rythm & Blues«. (Foto: Sessner Dachau)
 

Mit sieben Jahren hat ihm seine Schwester die erste Schallplatte ins Osternest gelegt: Tutti Frutti von Little Richard. Jetzt wusste der kleine Fritz Egner, dass es viel mehr gibt als Marschmusik und Schlager. Als er mit elf Jahren in Omas Radio zum ersten Mal AFN aufgedreht hat, dachten die Eltern, das ist der Untergang des Abendlandes. Für ihn war es ein Erweckungserlebnis und der Start in ein von Musik besessenes und erfülltes Leben.

Im August wurde er 70 Jahre alt, am 8. Oktober kommt er mit seinem Buch »Mein Leben zwischen Rythm & Blues« für eine Lesung ins Dachauer Ludwig-Thoma-Haus. Wir haben ihn beim BR für ein Interview auf dem »dachauer regiestuhl« besucht.

KURIER: Ihre Schallplattensammlung ist im Laufe der Jahrzehnte auf unglaubliche 50.000 Exemplare angewachsen, jetzt sind es nicht mal mehr 10.000 Stück. Wo sind die alle hingekommen?

Egner: Bestimmt 20.000 habe ich an ein Blindenheim mit eigener Radiostation gegeben, die anderen verteile ich an Freunde und Liebhaber. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich mich jemals nur von einer trennen kann. Aber irgendwann kommt die Zeit um Ballast abzuwerfen, irgendwann im Leben muss man loslassen lernen.

KURIER: Wenn Sie ein Jahr lang nur fünf Songs hören dürften, welche würden Sie sich aussuchen?

Egner: Oje, das wäre die größte Strafe überhaupt. In meiner Mediathek hab ich momentan gut 52.000 Stücke, allein die Vorstellung, nur fünf zu hören tut weh. Aber wenn schon, dann wenigstens sehr lange Songs: »Kashmir« von Led Zeppelin, von James Brown »I can‘t stand myself«, von Stevie Wonder »Higher Ground«, von den Beatles »Eleanor Rigby« und »Honky Tonk Women« von den Stones.

KURIER: James Brown, Stevie Wonder, Prince, Mike Jagger, Madonna … die Liste der Stars, die sie kennengelernt haben ist unendlich lang. Wer fehlt noch?

Egner: Leider welche, die schon verstorben sind: Aretha Franklin und Ray Charles. Gerne würde ich noch Ringo Starr treffen. Und manchmal gehen Wünsche in Erfüllung, denn genau das ist mir für die nächsten Wochen in Aussicht gestellt worden.

KURIER: »Rythm & Blues beschreibt das Auf- und Ab des Lebens« - tut das nicht jede Musik, von Klassik bis Metal?

Egner: Es kommt immer darauf an, wie man mit Musik sozialisiert ist. Jeder hat eine andere weiche Stelle, an der die Emotion der Musik ankommt. Bei mir ist es besonders der R&B, weil das eine Musik ist, die sehr viel mit der Biographie der Künstler zu tun hat. Ich glaube, die schwarze amerikanische Musik ist eine der ehrlichsten Musikrichtungen. Aber Sie haben Recht, das Auf- und Ab des Lebens spiegelt sich für jeden in der Musik, die ihn berührt.

KURIER: Am Anfang des Buches hofft man fast, dass schwarze Musik Menschen unterschiedlicher Rassen einander näherbringen wird. Leider funktioniert das nicht. Verbindet oder spaltet Musik?

Egner: Der Sprung über Konventionen, die man über die Erziehung vor allem in Amerika mitbekommen hat, war und wird immer schwierig sein. Musik polarisiert, das ist auch gut, denn sonst würden wir ja alle das Gleiche hören. Jeder soll für sich das Richtige finden. Dass die US Radiostationen damals die schwarze Musik spielten, geschah ja nicht aus Menschenliebe, sie merkten, damit kann man Hörer gewinnen, das ist ein gutes Geschäft. Musik ist sehr viel Emotion, aber sie ist auch eine Geschäftsidee.

KURIER: Gerade Freunde und Familie prägen den Musikgeschmack. Ich habe durch Mann und Kinder Punk, Mittelalterrock, Viking-, Glam- und Nu-Metal oder Stoner Rock kennen und schätzen gelernt. Hat Ihre Familie sie auch mitgenommen oder müssen alle Egners R&B hören?

Egner: In der Tat hab ich da mit meinem Musikgeschmack schon Ablehnungen erfahren müssen. Ich bin aber sehr offen, höre von Country bis Punk, von Jazz bis Klassik und eben R&B alles, was mich begeistert und fasziniert. Das hängt natürlich auch von der jeweiligen Stimmung ab. Aber ich bin schon zu Milow, Black Eyed Peas oder Ed Sheeran mitgenommen worden und war angenehm überrascht. Grundsätzlich sollte man keine Vorbehalte haben, offen nach allen Seiten sein. Aber viele Fans haben Scheuklappen, ihr jeweiliges Idol spielt eine so große Rolle, dass es nicht mehr primär um die Musik geht.

KURIER: Ihre Anonymität ist Ihnen ein hohes Gut. Machen Sie darum lieber Radio als TV?

Egner: Der Radiojob ist schon deshalb der bessere, weil ich alles selber in der Hand habe. Ich bin Journalist, Regisseur, Inszenierer und Moderator in einem. Beim Fernsehen bist du auf zig andere angewiesen, vom Kameramann bis zum Beleuchter. Beim Radio hab ich alle Fäden in der Hand, bin aber auch allein schuld, wenn es nix wird.

KURIER: Denken Sie jetzt mit 70 eher an Ruhestand, vielleicht um einen Tanzkurs zu absolvieren, passt alles wie es grad ist oder basteln Sie schon an einem neuen Format?

Egner: Also der Tanzkurs kommt nicht in Frage, weil ich meiner Frau keine unnötigen Verletzungen zufügen möchte. Für mich passt alles, wie es grad ist. Ich glaube, man muss auch mal Ruhe geben und nicht pausenlos nach neuen Ufern suchen.

KURIER: Es gibt bestimmt noch viele Geschichten zu erzählen, ist eine Fortsetzung Ihres Buches geplant?

Egner: Man will mich grade dazu überreden, über meine Fernsehzeit ein Buch zu schreiben. Fernsehen ist nicht so ein emotionales Medium wie Radio. Es gibt hier zwar auch viele Anekdoten, aber viele nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, weil sie einem im Vertrauen erzählt wurden. Außerdem hab ich keinen großen Mitteilungsdrang sondern eher Selbstzweifel und denke »Wen soll des interessieren«.

KURIER: Welche Frage würden Sie gerne noch beantworten?

Eger: Ich stelle mir selber immer eine Frage: Wie kann man Musik, die nicht leicht zu konsumieren ist, unter die Leute bringen? Da hab ich mir überlegt, Musik in eine spannenden Geschichte zu verpacken, so dass der Hörer wissen möchte, um wen es da geht, dass er sich denkt »wann spielt er endlich den Song«. Und vielleicht erfährt er so etwas über Musik, die ihn bisher nicht interessiert hat. Vielleicht hört er doch zweimal hin, anstatt abzuschalten. Ob das gelingt, erfahre ich nur über soziale Medien oder Nachrichten ins Studio, weil ich im Gegensatz zu einem DJ oder Künstler auf der Bühne ins Schwarze sende.

KURIER: Dann dürfte Ihr Auftritt bei »Dachau liest« ja ein interessanter Kontrast sein?

Egner: Ja, bei Lesungen ist es ganz anders, da hat man mich schon oft zurechtgerückt. Anfangs hab ich voreingenommen ins Publikum geschaut und gedacht: »Die sind doch nicht alle freiwillig da«. Am Ende der Lesung stellten oft diejenigen, von denen ich dachte, die Frau hat sie mitgeschleppt, die schönsten und interessantesten Fragen. Dieser Austausch ist unersetzbar, ich erfahre da so viel von meinen Hörern. Und darum freue ich mich schon auf Dachau.

KURIER: Herzlichen Dank für das Interview, bis Dienstag in Dachau.

Interview: Christl Horner-Kreisl

Foto: Sessner Dachau