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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Saturday, 4. April 2020 · 22:53 Uhr
 
 
 

»Nur wer die Natur kennt, der schätzt und schützt sie auch«

BR-Kräuterexpertin Monika Engelmann im Gespräch mit dem KURIER

Monika Engelmann beim Interview im Gasthaus Drei Rosen. (Foto: A. Förster)
 

Monika Engelmann ist als Kräuterexpertin aus »Wir in Bayern« beim BR-Fernsehen bekannt. Gemeinsam mit ihrem Mann und einer Kollegin betreibt sie »Die Kräuterei« im Gut Schloss Sulzemoos. Dort gibt die 49-Jährige unter anderem Seminare über Pflanzengeheimnisse. Ende Januar hielt Engelmann in Dachau einen Vortrag über »Insektenfreundliche Gärten«, vorher nahm sie auf unserem »dachauer regiestuhl« Platz.

KURIER: Was macht eigentlich eine Kräuterexpertin im Winter?

Engelmann: Da hab ich genug zu tun. Ich gebe Vorträge wie gerade im Gasthaus Drei Rosen, wandere gerne in der Natur, auch bei Eis und Schnee. Und ich schreibe Bücher. Mein neuestes erscheint im März, man kann es aber schon vorbestellen.

KURIER: Wie heißt es?

Engelmann: Es heißt »Zwölf ungezähmte Pflanzen fürs Leben«. Eine Zusammenarbeit von acht zertifizierten Kräuterexpertinnen. Das Projekt hat drei Jahre in Anspruch genommen. Währenddessen hat ganz viel Austausch stattgefunden, es gab viele Erkenntnisse, sowohl in Bezug auf die Pflanzen wie auch gruppendynamisch.

KURIER: Sie sind viel in der Natur. Wo sind ihre Hotspots im Dachauer Land?

Engelmann: Zum einen ist das die Kräuterei in Sulzemoos, da haben wir tolle Wiesen, Sträucher und Obstbäume drumherum. Ein Paradies auch für Insekten. Ansonsten liebe ich die Wacholderheide in Günding, übrigens zu jeder Jahreszeit. Man kann im Winter in der Natur ja auch mal einfach mal die Sinne schärfen, anhand von Rinde und Knospen erraten, um was für einen Baum es sich hier handelt...

KURIER: Was empfehlen Sie zur Erkältungsvorbeugung in der kalten Jahreszeit?

Engelmann: Ein bewährtes Hausmittel ist Ingwer. Für einen Tee bei trockenem Husten nimmt man je 10 Gramm Malvenblüten, Königskerzenblüten, Spitzwegerich, Thymian, dazu Eibischblätter und -wurzel (20 g), Süßholzwurzel (25 g) und ein wenig Anisfrüchte (5 g). Gut mischen, 2 Teelöffel in die Tasse, kochendes Wasser drüber und zehn Minuten ziehen lassen. Wirkt reizlindernd, schleimlösend und entzündungshemmend.

KURIER: Bauen Sie auch im eigenen Garten Kräuter an?

Engelmann: Nur für den Hausgebrauch, also Küchenkräuter zum Kochen wie Thymian, Salbei, Rosmarin, Pfefferminze, Giersch, Wacholder und Brennnessel.

KURIER: Haben Sie einen Tipp, wie man Brennnesseln am besten erntet?

Engelmann:Von oben beherzt zugreifen. Und sich nicht daran stören, wenn es ein wenig britzelt an den Fingern. Das ist auch eine Frage der Einstellung. Die Brennnessel ist so eine tolle Pflanze, rohköstlich am wertvollsten. Da ist ein kleines Brennen beim Ernten schon zu verschmerzen.

KURIER: Wie kann man sie denn als Ganzes verwerten, ohne dass es beim Essen brennt?

Engelmann:Man muss die Brennhaare brechen. Dazu die frischen Brennnesseln waschen und anschließend in einer Salatschleuder trocken schleudern. Wer die Nesseln roh verwenden möchte, walkt zusätzlich die Blätter mit einem Nudelholz. Kleinschneiden und Kochen funktioniert ebenso. Sie können auch frisch vom Wegesrand gegessen werden. Einfach eines der oberen Blätter pflücken und mit den Fingern zerwuzeln. Das mache ich sogar in meinen Kinderkursen. Wenn ein mutiges Kind den ersten Schritt wagt, machen alle anderen mit.

KURIER: Wo sollte man eher nicht pflücken?

Engelmann: Dass man nicht an viel befahren Straßen pflücken sollte, ist selbstverständlich. Und möglichst nicht auf privaten Wiesen, beliebten Hundestrecken oder Tierweiden. Und auch nicht unbedingt in der Nähe von konventionell bewirtschafteten Feldern, da könnten Spritzmittel in die nähere Umgebung geraten.

KURIER: Was kann jeder von uns beim Thema Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Naturschutz tun?

Engelmann: Wenn man etwas pflückt, dann sollte man am Ende nicht sehen, wo gepflückt wurde. Also wirklich nur sparsam ernten. Außerdem muss man nicht alles im Laden kaufen, sondern kann viel selber machen und einwecken, zum Beispiel Obst für Kompott oder Apfelmus. Und wenn einkaufen, dann bitte Bio, regional, saisonal und fair. Beim Lesen der Zutaten sollte man darauf achten, dass man auch versteht, was da im Kleingedruckten steht. Damit man einfach weiß, was man da isst.

KURIER: Welche naturlichen Lebensmittel kann man einfrieren oder haltbar machen?

Engelmann: Wildfrüchte eignen sich gut, Kräuter gehen ebenfalls. Ansonsten trocknen oder einlegen als Pesto oder in Essig. Auch Likör lässt sich aus Kräutern machen.

KURIER: Den bieten Sie dann auch an?

Engelmann:

Wir haben eine  Destille und brennen unseren eigenen Schnaps. Eine feine Geschichte ist unser Bierbrand. Wichtig dafür ist ein starkes und malziges Bier wie ein Doppelbock.

KURIER: Man spricht ja immer von »gesunden« Kräutern. Wie erleben Sie das bei sich?

Engelmann: Durch die Ernährung mit Wildkräutern fühle ich mich wesentlich vitaler, mein Mann hat dieselbe Erfahrung gemacht. Gerade im Winter gibt die Ernährung mit Wildkräutern, zum Beispiel Brennnesselsamen, mehr Energie.

KURIER: Man spricht ja auch von Heilkräutern. Würden Sie die heilende Wirkung bestätigen?

Engelmann: Ich bin weder Ärztin noch Heilpraktikerin, insofern kann ich nur meine eigene Erfahrung weitergeben, wenn ich Tinkturen oder Teemischungen zum Eigengebrauch herstelle. Zum Beispiel Spitzwegerich, die Tinktur eignet sich gut bei Insektenstichen im Sommer, aber auch als Tee bei Erkältungen im Winter. Für die Tinktur extrahiere ich den Spitzwegerich mit Alkohol und seihe ihn nach einer Ziehzeit von 3 bis 6 Wochen ab. Man kann auch Honig verwenden. Ein einheimisches Superfood ist, wie schon erwähnt, die Brennnessel.

KURIER: Sie sind ja zertifizierte Kräuterexpertin und Streuobstwiesenführerin. Wie wird man das?

Engelmann: Das Zertifikat habe ich nach einem einjährigen Lehrgang erworben. Den kann man bei mehreren Instituten in und um München ablegen, am Ende muss man eine Prüfung ablegen, eine Kräuterwanderung absolvieren und ein Herbarium anlegen. Die Sache mit der Streuobstwiese ist weniger aufwändig, da geht es allgemein um die Bedeutung der Streuobstwiese, welche Tiere dort leben, was man damit machen kann. Mir ist wichtig, dass ich mein Wissen weitergeben kann und damit Menschen, gerade auch Kinder, die Natur besser kennenlernen. Denn nur was man kennt, schätzt und schützt man auch.

KURIER: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Andreas Förster

Foto: Sessner Dachau