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Tuesday, 7. April 2020 · 09:15 Uhr
 
 
 

»Viele Frauen wissen wie es ist, sich schuldig zu fühlen«

Schauspielerin Andrea Sawatzki im Regiestuhl-Interview mit dem KURIER Dachau

Andrea Sawatzki las nach dem Interview aus ihrem Buch »Andere machen das beruflich« im ASV-Saal. (Foto: Foto Sessner)
 

TV-Star Andrea Sawatzki gab uns das Interview vor ihrer Lesung zum neuen Buch »Andere machen das beruflich« im ausverkauften ASV-Theater. Sie verschob dafür extra ihr Mittagessen auf den Nachmittag. Auch als Fans dazukamen, um ein Foto zu machen, ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen und hatte für jeden ein freundliches Wort. Nach der Lesung fuhr die 56-Jährige zurück in ihre Wahlheimat Berlin zu ihrer Familie: Ihr Ehemann ist der Schauspieler Christian Berkel, zusammen haben sie zwei Söhne (17 und 20), der Ältere studiert in Liverpool.

KUIRIER: Ihr Vater war Journalist. Haben Sie die Lust am Schreiben von ihm?

Sawatzki: Eine gewisse Neigung habe ich vielleicht von ihm. Auf jeden Fall habe ich schon in der Schule gerne Aufsätze geschrieben und als Kind Märchen geliebt. Mit Pippi Langstrumpf konnte ich mich sehr gut identifizieren.

KURIER: Wie lange schreiben Sie schon?

Sawatzki: Ich habe erst 2011 mit dem Schreiben angefangen und 2013 mein erstes Buch veröffentlicht. Der Wunsch zu schreiben entstand auf der einen Seite aus dem Bedürfnis heraus, stärker in meine eigenen Figuren eindringen zu wollen, die ich im Kopf hatte. Und gleichzeitig aus dem Wunsch, die Vergangenheit aufzuarbeiten.

KURIER: Ist das noch Hobby oder inzwischen auch ein Beruf?

Sawatzki: Mein Beruf ist die Schauspielerei. Aber das Schreiben ist auch nicht nur ein Hobby. Ich kann beides nicht voneinander trennen, es gehört irgendwie zusammen.

KURIER Haben Sie dann auch schon ein Drehbuch im Kopf, wenn Sie schreiben?

Sawatzki: Ich kann schon einen Film vor mir sehen. Ähnlich wie man beim Lesen Bilder sieht, sehe ich Szenen und Begegnungen vor meinem geistigen Auge und lasse mich durchleiten. Drehbücher sind das aber nicht. Generell empfinde ich das Schreiben eher als anstrengend.

KURIER: Warum?

Sawatzki: Es ist gar nicht so leicht, Figuren zu entwickeln, eine Handlung voranzutreiben, Spannung zu erzeugen. Ich hatte es mir vor meinem ersten Roman einfacher vorgestellt.

KURIER: Wie fanden Sie einen Verlag?

Sawatzki: Als ich dem Schreiben von »Ein allzu braves Mädchen« anfing, wollte ich ein Alter Ego erschaffen, um einige Dinge in mir aufzuarbeiten. Es gab zunächst nur Fragmente, die ich verschickt habe. Der Piper Verlag war der Meinung, daraus könne man etwas machen. Dann hat es zwei Jahre gedauert, bis das Buch fertig war. Ich habe bei Piper ein strenges Lektorat, das mir hilft, mein Bestes zu geben.

KURIER: Können Sie sich jederzeit hinsetzen und drauflos schreiben?

Sawatzki: Ohne Abgabetermin geht bei mir nichts. Ich brauche den Druck von außen. Auch wenn es Tage gibt, an denen ich mich besonders quäle. Dann ist das Resultat meistens ganz ordentlich. Und umgedreht. Wenn es leicht von der Hand geht, merke ich im Nachhinein oft, dass das Ergebnis für die Tonne ist…

KURIER: Wo bleibt bei soviel Arbeit eigentlich die Familie?

Sawatzki: Familie steht bei uns an erster Stelle. Wir sind immer für unsere Söhne da. Wann immer es möglich ist, drehen wir in Berlin, damit wir gemeinsam Abendessen können. Unser Ritual an den Sonntagabenden ist das gemeinsame Kochen und wir fahren jedes Jahr im Sommer für zwei Monate nach Andalusien. Da dürfen die Jungs auch ihre Freunde oder Freundin mitnehmen. Uns war und ist wichtig, sie mit ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen und ihnen so viele Freiheiten wie möglich zu gewähren.

KURIER: Was macht für Sie ein gutes Buch aus?

Sawatzki: Ich liebe psychologisch fundierte Bücher, zum Beispiel »Kleine Feuer überall« von Celeste Ng oder Lawrence Osborne. Bücher, in denen die Seele der Menschen ausgeleuchtet wird. Die den Leser erstmal ratlos machen und erschüttern. Ich mag auch klassische Literatur von Fallada, Remarque oder Zola.

KURIER: Wie kamen Sie auf die Gundula Bundschuh als Heldin ihrer bislang vier Familienromane?

Sawatzki: Ich wollte für mich selbst ein Alter Ego, eine Frau um die 50, die das erlebt, was mich so umtreibt, die Ängste und Sorgen, Freundschaften und Familie. Es sind im Grunde Geschichten, die alle Frauen ansprechen sollen.

KURIER: Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihren Lesungen bislang gemacht?

Sawatzki: Nur gute. Auch bei den Psycho-Thrillern gibt es eine Menge Menschen, die sich angesprochen fühlen und dankbar sind, dass jemand die innere Einsamkeit anspricht, oder dass man sich von der Vergangenheit nicht so leicht lösen kann, wie ich es in »Der Blick fremder Augen« geschildert habe. Gundula Bundschuh ist inzwischen vielen bekannt. Die Leser lassen sich durch ihre Erlebnisse trösten, in dem sie darüber lachen können. Das Geheimnis einer guten Komödie. Ein kluger Mann hat mal gesagt: »Das Lachen ist die Anästhesie des Herzens«. Viele Frauen wissen wie es ist, sich schuldig zu fühlen, wenn etwas nicht gut läuft in der Familie, sie klagen oder hinterfragen nicht und dabei bleiben ihre Bedürfnisse auf der Strecke. Das fange ich in meinen Büchern auf.

KURIER: Ihre Bundschuh-Bücher sind alle verfilmt worden. Haben Sie darauf Einfluss?

Sawatzki: Das Drehbuch und die Besetzung sind Aufgabe der Produktion. Ich habe vor dem ersten Film nur Wünsche geäußert, manche wurden berücksichtigt, wie bei Axel Milberg, Eva Löbau oder Uwe Ochsenknecht. Der vierte Teil läuft im Dezember im ZDF. Wir drehen jetzt schon den fünften Teil, allerdings ohne Buchvorlage. Dieses Mal habe ich die Figurenrechte behalten, habe also ein Mitbestimmungsrecht und arbeite auch am Drehbuch und der Geschichte mit.

KURIER: Wann kann man Sie mal wieder im Kino sehen?

Sawatzki: Am 24. Oktober kommt die Tragikomödie »Zorros Solo« in die Kinos. Allerdings nur mit wenigen Kopien, aber das Ergebnis ist hervorragend. Der Film geht so richtig unter die Haut. Einen Trailer gibt es auf meiner Instagram-Seite zu sehen.

KURIER: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Andreas Förster

Foto: Sessner Dachau