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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Thursday, 2. April 2020 · 02:14 Uhr
 
 
 

»So viel Eigenleben wie möglich, so viel zentral, wie nötig.«

50 Jahre Pfarrverband Erdweg – Interview mit Weihbischof Dr. Bernhard Haßlberger

Weihbischof Dr. Bernhard Haßlberger auf dem »dachauer regiestuhl«. (Foto: Carolin Ölsner)
 

Der Pfarrverband Erdweg hat in diesem Jahr einen zusätzlichen Grund zur Freude und zum Feiern: Sein 50-jähriges Jubiläum. Auch wenn im kirchen- und auch weltgeschichtlichen Geschehen 50 Jahre eher unbedeutend sind, in einem Menschenleben bedeuten 50 Jahre viele gemeinsame Erlebnisse, auf die es sich durchaus lohnt zurückzublicken. Und ohne die Mitwirkung vieler haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiter wäre es dem Pfarrverband nicht möglich zu existieren. Daher soll das Jubiläum in diesem Jahr auch gebührend gefeiert werden.

Am Sonntag, den 9. Februar fand als Eröffnungsveranstaltung der Festgottesdienst im Pfarrzentrum Erdweg mit Weihbischof Dr. Bernhard Haßlberger statt, der sich die Zeit nahm, auf unserem »dachauer regiestuhl« unsere Fragen rund um den Pfarrverband Erdweg zu beantworten.

 

KURIER: Der Pfarrverband Erdweg wird heuer 50 Jahre. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Meilensteine seit seiner Gründung?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Die Gründung selbst war schon ein Meilenstein. Es war der erste Pfarrverband in unserer Erzdiözese. Ohne alles geregelt zu haben, wurde angefangen. Der Bau des Zentrums in Erdweg war auch wichtig, damit sich der gesamte Pfarrverband versammeln kann. Schließlich war und ist das große Engagement der Ehrenamtlichen entscheidend.

KURIER: Das Pfarrzentrum besteht heute aus dem großen Saal, der Kapelle, der Gemeindebücherei, dem Pfarrbüro, dem Kindergarten und vielen weiteren Räumen, die sich zum Ort der Begegnung und zur Anlaufstelle für vielerlei Anliegen der Mitglieder aus den Pfarrgemeinden entwickelt haben. Im Vergleich zu den Nachbargemeinden, was zeichnet den Pfarrverband Erdweg Ihrer Meinung nach aus?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Einmal ist es das große Engagement der Ehrenamtlichen und ihre große Selbständigkeit, welche ihnen auch von Anfang an zugestanden wurde. Dann ist es die doch gelungene Mischung von Gemeinsamkeit und der Selbständigkeit der Pfarreien.

KURIER: Wie stehen Sie zur Devise des Pfarrverbandes Erdweg »So viel Eigenleben wie möglich, so viel zentral, wie nötig«?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Das kann ich voll unterstützen. Wir müssen einerseits schon über den Tellerrand der Gemeinde hinausschauen, aber die Gemeinden leben auch davon, dass sie das, was sie können, auch selbst regeln.

KURIER: Seit 1989 gibt es die ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe Erdweg, die sich um bedürftige Mitbürger der Gemeinde kümmert. Die Katholische Landvolkshochschule Petersberg, gegründet auf Initiative von Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler, fördert die aktive Mitgestaltung in Gesellschaft, Kirche und Politik. Der Helferkreis Asyl unterstützt die Geflüchteten bei Ihren Herausforderungen. Um nur einige Initiativen in der Gemeinde zu nennen. Wo sehen Sie die Hauptschwerpunkte, die der Pfarrverband Erdweg mit Blick in die Zukunft bewältigen muss?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Einerseits bleibt die schöne und würdige Gestaltung der Liturgie entscheidend. Denn hier feiern wir unseren Herrn Jesus Christus inmitten seiner Gemeinde. Davon lebt Kirche ganz wesentlich. Ebenso wichtig bleibt die tätige Hilfe. Im Alten Testament ist »Gerechtigkeit« ein Schlüsselwort, im Neuen Testament wird dies vor allem mit »Liebe« umschrieben. Menschen in Notlagen zum Leben verhelfen, gehört für uns zum Wesentlichen. Das werden auch in Zukunft die Schwerpunkte sein.

KURIER: Der Landkreis Dachau – und damit auch die Gemeinde Erdweg – zählen zu den am stärksten wachsenden Regionen im Umkreis von München. Welche Herausforderungen sehen Sie auf den Pfarrverband Erdweg damit in den nächsten Jahren zukommen?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Einerseits ist es wichtig, die Gemeinschaft der Gläubigen, welche schon da ist, zu pflegen. Aber es wird darauf ankommen, die stärker in den Blick zu nehmen, welche nicht zu diesem Kreis gehören oder sich dazu zählen. Es geht dabei nicht darum, diese zu vereinnahmen, sondern sie einfach zunächst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Es ist dies natürlich keine leichte Aufgabe, aber da wir zu allen Menschen gesandt sind, unser Auftrag.

KURIER: Es wurde festgestellt, dass es in der Gemeinde Erdweg eine Tendenz zur Dezentralisierung gibt. Chance oder Risiko? Und was bedeutet diese Veränderung für die Struktur und die Verwaltung des Pfarrverbandes Erdweg?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Es kommt darauf an, wieweit eine solche Dezentralisierung geht. Wenn man sich vereinzelt, ist es nicht gut. Hier wird man auch kirchlich gut reagieren müssen. Wie oben schon gesagt, geht es um ein vernünftiges Verhältnis.

KURIER: Eng damit verbunden ist auch die Tatsache, dass es immer mehr an ehrenamtlichen Helfern mangelt. Welche Möglichkeiten sehen Sie, dies in den kommenden Jahren zu kompensieren?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Kompensieren kann man das nicht einfach. Es gibt ja durchaus viele, welche ehrenamtlich arbeiten wollen, aber anders als früher. Viele wollen projektbezogen arbeiten, viele sich nicht immer binden, sondern auch wieder aufhören können. Auch bei den Ehrenamtlichen wollen die meisten nicht mehr »Generalisten« sein, die überall eingesetzt werden, sondern gezielt nach ihren Fähigkeiten mitarbeiten. Für unsere Gemeinden ist das eine große Herausforderung!

KURIER: Ein Markenzeichen des Pfarrverbandes ist das große Engagement für die „3. Welt“. Viele Jahre wurden Projekte in Ecuador, Bolivien, Angola und Ägypten unterstützt. Wie stehen Sie zu diesem großartigen länderübergreifenden Engagement?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Hier war der Pfarrverband von Anfang an Vorreiter. Dieses Engagement kann ich nur begrüßen. In einer globalisierten Welt wird das noch wichtiger werden.

KURIER: Möchten Sie gern noch etwas ergänzen, dass Ihnen im Zusammenhang mit dem Jubiläum und der Entwicklung des Pfarrverbandes Erdweg besonders am Herzen liegt?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Ich hoffe, dass der Übergang von den Ehrenamtlichen, die den Pfarrverband bisher getragen haben, zur nächsten Generation gut gelingt, und dass das rege Leben weitergehen kann. Ich hoffe auch, dass der Petersberg den Pfarrverband auch weiterhin spirituell befruchtet.

KURIER: Welche Wünsche und Anregungen möchten Sie dem Pfarrverband Erdweg für die nächsten 50 Jahre mit auf den Weg geben?

Weihbischof Dr. B. Haßlberger: Ich wünsche dem Pfarrverband, dass die Gläubigen dort weiterhin Gemeinschaft erfahren, aber auch weiterhin über den Kirchturm hinausschauen. Vor allem wünsche ich ihnen Gottes Segen auf dem weiteren Weg.

Interview: Carolin Ölsner
Foto: Carolin Ölsner