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Thursday, 4. June 2020 · 17:27 Uhr
 
 
 

»Kindergesundheit liegt mir besonders am Herzen«

Die Bayerische Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml auf dem dachauer regiestuhl.

Bayerische Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml. (Foto: Sessner)
 

Vor kurzem besuchte Melanie Huml, Bayerische Gesundheits- und Pflegeministerin und Mitglied des Bayerischen Landtags das Bürgerhaus Karlsfeld. Hier war aus dem traditionellen politischen Aschermittwoch kurzerhand ein »Ascherdonnerstag« gemacht worden. Vor der Veranstaltung nahm sich die sympathische Ministerin ganz unkompliziert Zeit für ein Interview auf dem dachauer regiestuhl.

KURIER: Frau Ministerin, kennen Sie Karlsfeld und den Landkreis Dachau?

Huml: Den Landkreis Dachau kenne ich von verschiedenen Besuchen, zuletzt im Frühjahr 2014. In Altomünster hatte ich dabei die Gelegenheit mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern sowie Vertretern vom Bayerischen Roten Kreuz, der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas und weiteren Organisationen zum Thema »Demographischer Wandel im Landkreis Dachau« ins Gespräch zu kommen. Von diesem Besuch habe ich viele Eindrücke und Ideen mitgenommen.

KURIER: Das aktuellste gesundheitliche Problem ist sicher die grassierende Grippe- und Erkältungswelle. Gab es das in dieser Schwere und Häufigkeit schon mal in Bayern?

Huml: Die Verläufe der Grippe-Erkrankungszahlen sind jedes Jahr anders. Der jahreszeitentypische Anstieg der Influenza-Fälle fällt heuer etwas stärker als in anderen Jahren aus. Ein Grund zur Sorge besteht aber nicht. Wichtig ist jedoch, sich vor einer Ansteckung zu schützen. Das heißt zum Beispiel: Man sollte sich gründlich die Hände mit Wasser und Seife waschen, Händeschütteln vermeiden sowie Abstand zu hustenden und niesenden Personen halten. Der beste Schutz gegen die Grippe ist die Impfung.

KURIER: Im HELIOS Amper Klinikum Dachau musste noch niemand abgewiesen werden, in anderen Städten konnten zeitweise keine Notfälle aufgenommen werden. Sind Klinikkapazitäten im Allgemeinen zu knapp kalkuliert?

Huml: Die Notfallbehandlung von Patienten mit akuten oder lebensbedrohlichen Verletzungen oder Erkrankungen in bayerischen Kliniken ist in jedem Fall gewährleistet. Dies bestätigen auch Vertreter der Kliniken und Rettungsdienste in München und Nürnberg, die über eine Überlastung der Notaufnahme klagen. Auch bei Überbelastung werden Notfälle aufgenommen.

Das Bayerische Gesundheitsministerium beobachtet allerdings aktuell eine erhöhte Frequentierung der Notaufnahmen. Eine Ursache für die derzeit außergewöhnlich hohe Auslastung der Notaufnahmen ist die Grippewelle. Die Grippe führt nicht nur zu höheren Patientenzahlen, sondern auch zu einem hohen Krankenstand beim Klinikpersonal. Die Klinikkapazitäten reichen insgesamt aber aus. Im Jahr 2013 waren die bayerischen Kliniken im Jahresdurchschnitt zu knapp 75% ausgelastet, es stehen also ein Viertel der Kapazitäten als Reserve für außergewöhnliche Situationen zur Verfügung. Im Übrigen handelt es sich bei etwa der Hälfte aller Fälle in den Krankenhäusern um planbare Behandlungen von denen viele ohne gesundheitliche Nachteile für die Patienten verschoben werden können, wenn Platz für Notfälle geschaffen werden muss.

KURIER: Es wird immer wieder davor gewarnt, dass der Hausarzt auf dem Lande »ausstirbt«, angeblich sind nur Facharztpraxen attraktiv für den medizinischen Nachwuchs. Wie ist die Situation aktuell?

Huml: Bayern ist in allen Landesteilen grundsätzlich sehr gut mit niedergelassenen Hausärzten versorgt. Von 155 hausärztlichen Planungsregionen in Bayern gelten nach den Vorgaben der Bedarfsplanungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses mit Stand 30.01.2015 insgesamt 107 als überversorgt; sie sind damit für weitere Hausarztniederlassungen gesperrt. Die grundsätzlich sehr gute Situation im Freistaat darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir gerade im hausärztlichen Bereich einen sehr hohen Nachwuchsbedarf haben. Bereits heute sind 33,2 % aller Hausärzte in Bayern 60 Jahre oder älter.

Grundsätzlich ist die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung gesetzliche Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Das Gesundheitsministerium unterstützt die Versorgung aber mit einem eigenen Förderprogramm. Dafür standen in den vergangenen drei Jahren insgesamt 15,5 Millionen Euro zur Verfügung, im Doppelhaushalt 2015/2016 sind 11,7 Millionen Euro vorgesehen. Dieses Förderprogramm bietet unter anderem eine Anschubfinanzierung von bis zu 60.000 Euro für Hausärzte, Frauenärzte, Kinderärzte, Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendpsychiater, die sich in Gemeinden mit nicht mehr als 20.000 Einwohnern niederlassen. Voraussetzung ist, dass es sich um nicht überversorgte Regionen handelt. Außerdem fördern wir Medizinstudenten mit einem Stipendium in Höhe von monatlich 300 Euro, wenn diese bereit sind, ihre Facharztweiterbildung im ländlichen Raum zu absolvieren und anschließend für mindestens fünf Jahre auf dem Land tätig zu sein. Mit dem Förderprogramm werden außerdem innovative Versorgungskonzepte unterstützt.

KURIER: Als Otto-Normalverbraucher kann man sich ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass man als Allgemeinarzt am Hungertuch nagen muss. Warum ist Hausarzt kein erstrebenswerter Beruf mehr für junge Mediziner?

Huml: Die Verdienstmöglichkeiten sind nur eines von vielen Kriterien, die die Wahl der Fachrichtung beeinflussen. Das zeigen die Rückmeldungen aus der Ärzteschaft und vor allem aus dem Kreis der Medizinstudenten. Bei der Wahl der Fachrichtung spielen vor allem persönliche Interessen und Zielvorstellungen sowie das private Umfeld eine wesentliche Rolle. Tatsache ist leider, dass in den letzten Jahren immer weniger angehende Mediziner eine Weiterbildung in den Fachrichtungen Allgemeinmedizin oder innere Medizin ohne weitere Spezialisierung abschließen, die in eine spätere Tätigkeit als Hausarzt mündet. Zuletzt waren es nur noch etwa 10 %. Gerade auf dem Land ist aber häufig der Hausarzt nicht nur der nächstgelegene, sondern oft auch der einzige unmittelbare Ansprechpartner in Gesundheitsfragen.

Dieser Trend hat sicher viele Gründe: Eine immer stärkere Spezialisierung bereits in der universitären Ausbildung verbunden mit einer vermeintlich höheren Wertschätzung gegenüber Spezialisten. Auch befürchten viele junge Mediziner, die auf eine ausgewogene Work-Life-Balance großen Wert legen, eine hohe Arbeitsbelastung in der Hausarztpraxis gerade auf dem Land. Hier muss dringend gegengesteuert werden. So setze ich mich beispielsweise dafür ein, dass an jeder medizinischen Fakultät ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet wird, um diesem Fachbereich bereits im Studium wieder eine angemessenere Bedeutung zukommen zu lassen. In Bayern sind wir hier bereits auf einem sehr guten Weg. Zwei Lehrstühle arbeiten bereits, bei zwei weiteren finden zurzeit die Berufungsverfahren für die Professoren statt. Durch eine Reform der Bereitschaftsdienststrukturen will die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns eine Entlastung der Hausärzte gerade bei Nacht- und Wochenenddiensten erreichen. Um auch die Weiterbildung speziell in der Allgemeinmedizin zu vereinfachen und attraktiver zu gestalten, wurden Weiterbildungsverbünde eingerichtet. Diese unterstützen die Ärzte. Und nicht zuletzt soll im Rahmen des aktuell laufenden Gesetzgebungsverfahrens des Bundes für ein GKV-Versorgungsstärkungsgesetz auch die finanzielle Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin ausgeweitet werden. Das alles sind wichtige Schritte, um auch in Zukunft genügend hausärztlichen Nachwuchs zu haben.

KURIER: Sie selbst sind approbierte Ärztin, haben sie je praktiziert?

Huml: Nach dem Studium habe ich im Krankenhaus in Bamberg gearbeitet.

KURIER: Neben der Gesundheit ist auch die Pflege ein gewichtiges Thema, das mit dem Alter der Bevölkerung mitwächst. Wenn man bedenkt, was Senioren beziehungsweise Angehörige für einen Pflegeplatz bezahlen, finde ich es erschreckend, was man bekommt: ein Zweibettzimmer mit einem wildfremden Menschen und Pflegepersonal, das immer unterbezahlt und oft überarbeitet ist. Müsste für diese Menschen, die eine so wertvolle Arbeit leisten, nicht viel mehr Hilfe von oben, also der Politik kommen?

Huml: Der Zusammenhalt einer Gesellschaft zeigt sich gerade auch am Umgang mit älteren und pflegebedürftigen Menschen. Eines meiner wichtigsten Anliegen ist es, ihre Selbstbestimmung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu sichern und ihre Würde zu bewahren. Es muss uns dabei klar sein, dass gute Pflege Geld kostet. Dieses Geld muss zielgerichtet für eine qualitative Pflege eingesetzt werden. Schon 2011 haben wir deshalb zum Beispiel festgeschrieben, dass in Pflegeheimen ein angemessener Anteil der Wohnplätze als Einzelwohnplätze ausgestaltet sein muss und dass Pflegeheime künftig barrierefrei sein müssen. Wichtig ist mir auch, die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte zu verbessern. Daher habe ich mich im Bund erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Tarifentlohnung in den Pflegesätzen zu berücksichtigen ist. Auf unsere Initiative hin hat die Landespflegesatzkommission außerdem die Personalschlüssel verbessert, damit mehr Hände in die Pflege kommen. Das sorgt auch für eine Entlastung der Pflegekräfte. Um auch nachts eine angemessene Versorgung in den Pflegeheimen sicherzustellen, habe ich jüngst den Nachtwachenschlüssel konkretisiert. Spätestens ab Mitte dieses Jahres muss sichergestellt sein, dass als Nachtwache mindestens eine Pflegekraft für 30 bis maximal 40 Bewohner anwesend ist. Ich habe darüber hinaus eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit der Verbesserung der Praxisanleitung in der Ausbildung befasst. Denn nur mit gut qualifiziertem Personal können wir gemeinsam die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft bewältigen. KURIER: Sie sind verheiratet und haben einen kleinen Sohn, gehören also zu den doppelbelasteten Frauen. Wer hilft Ihnen beim Balanceakt zwischen Familie und Beruf? Meine Familie unterstützt mich in dieser Hinsicht sehr: mein Mann, meine Eltern und Schwiegereltern helfen alle mit. Mein Sohn kennt es nicht anders, insofern genießt er die Zeit mit mir, wenn wir sie haben - und das ist dann auch umso intensiver. Insgesamt funktioniert das vor allem so gut, weil ich den Rückhalt meiner Familie habe. So wird es auch sein, wenn wir Anfang August unser zweites Kind bekommen.

KURIER: Was ist schwieriger, sich als Frau oder als einzige Oberfränkin im Bayerischen Kabinett durchzusetzen?

Huml: Es kann in einer eher männerdominierten Runde natürlich auch von Vorteil sein, eine Frau zu sein, weil man schon alleine durch diese Tatsache auffällt. Grundsätzlich ist es in meinem Beruf wichtig, sich gut zu vernetzen. Egal ob als oberfränkisches Kabinettsmitglied oder als Frau. Außerdem sollte man sich in einer Männerwelt, in der ein dominanter Führungsstil vorherrscht, auf seine Stärken konzentrieren und beispielsweise Lösungen im Team erarbeiten. Frauen sollten sich auch insgesamt mehr zutrauen. Männer sind in dieser Hinsicht häufig selbstbewusster, während Frauen dazu neigen, an sich und ihrem Können zu zweifeln.

KURIER: Was liegt Ihnen 2015 am meisten am Herzen, was wollen Sie unbedingt bis zum Jahresende erreicht haben?

Huml: Das Thema Kindergesundheit liegt mir als Ärztin und Mutter besonders am Herzen. Wir müssen Kindern einen gesunden Start ins Leben ermöglichen. Wenn schon in jungen Jahren die Weichen für eine gesundheitsförderliche Lebensweise gestellt werden, kann damit Volkskrankheiten wie zum Beispiel der sogenannten Zuckerkrankheit erfolgreich vorgebeugt werden.

Deswegen dreht sich die diesjährige Schwerpunktaktion des Bayerischen Gesundheitsministeriums rund um die Kinder- und Jugendgesundheit. Wir wollen möglichst alle Kinder und Jugendlichen in Bayern erreichen - aber auch deren Familien ansprechen sowie das Fachpersonal in Kindertagesstätten, Schulen oder in anderen Betreuungseinrichtungen. Gemeinsam mit Partnern aus dem Gesundheitswesen, dem Bildungsbereich, dem Sport, der Politik und den Medien planen wir hierfür landesweite Veranstaltungen in diesem Jahr. Dabei soll auch auf Vorsorge-Angebote wie Impfungen und auf die Prävention von Verhaltensstörungen eingegangen werden. Ziel der Aktionen ist es, die Menschen im Freistaat – und in diesem Jahr ganz besonders die Kinder – in ihrer Entscheidung für eine gesundheitsförderliche Lebensweise zu unterstützen.

Frau Ministerin, herzlichen Dank für das Interview, alles Gute und weiterhin viel Erfolg im Amt.

Foto: Sessner Dachau

Interview: Christl Horner-Kreisl