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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Tuesday, 4. August 2020 · 05:12 Uhr
 
 
 

»Kulturgut Glocke« contra Naturschutz?

Brütendes Storchenpaar behindert Glockentausch in der Eisenhofener Pfarrkirche

Dunkle Wolken über St. Alban in Eisenhofen: Tierschützer wehren sich gegen den Gerüstbau während der Brutzeit eines Weißstorchenpaars. (Foto: Alexander Öxler)

Ein Gewitter zieht auf, dunkle Wolken brauen sich über St. Alban zusammen, als ich zum ersten Mal nach Eisenhofen komme, um mir persönlich ein Bild von den Zuständen dort zu machen. Ein besorgter Bürger hatte mich darüber informiert, dass am Kirchturm ein Gerüst aufgestellt werde, obwohl dort Störche ein Nest gebaut hätten. Nach Jahren wieder, exakt nach 13 Jahren, endlich… Als ich die Kamera auspacke, ist der Gerüstbau bereits gestoppt. Denn offenbar waren mehrere Eisenhofener um die Ruhe des brütenden Storchenpaars besorgt und hatten Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um das frevelhafte Aufstellen des Stahlskeletts zu verhindern, zumindest zu bremsen.

Wenige Telefonate später weiß ich auch um die Ursache der baulichen Vorbereitungen: Zwei der drei Glocken von St. Alban sollen ausgewechselt werden. Aus Sicherheitsgründen, wie mir Bernhard Wieczorek, der zuständige Kirchenpfleger, erklärt. Ein in Auftrag gegebenes Gutachten attestiert den beiden Gussstahlglocken starke Defekte. Bei einer der vor rund 100 Jahren gegossenen Glocken sei die Aufhängung des Klöppels korrodiert, bei der anderen der Spannungsbogen. Beides könnte irgendwann zum Absturz führen. So hatte man also zwei neue Glocken in Auftrag gegeben, die jetzt bereitstehen. Demzufolge wollte man jetzt mit dem Aufbrechen einer der Turmwände, in Höhe des Glockenstuhls, beginnen und den Tausch alt gegen neu vornehmen.

Wollte, wie gesagt… Denn sowohl die Dachauer Kreisgruppe des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), als auch das Naturschutzreferat des Landratsamtes Dachau war nach den eingehenden Hinweisen aus der Bevölkerung umgehend aktiv geworden, um dem Weißstorchenpaar, das eh unter Beobachtung steht, Brutruhe zu gewähren. Sachgebietsleiter Alexander Wolfseder zeigt sich engagiert und diplomatisch. Der Gerüstbauer wurde gebeten innezuhalten und mit dem Kirchenamt sei dann eine dreimonatige Pause ausgehandelt worden. Auch wenn Bernhard Wieczorek die »Einmischung« der Naturschützer nicht gerechtfertigt sieht.

Als er mit mir zum Glockenstuhl, der im Zuge der Sanierungsarbeiten gleich mit ausgetauscht wird, steigt, weist er auf die Abstände zum Nest hin. Wäre kein Problem, hier zu arbeiten, aber bitte… Und der Baulärm würde ebenfalls nicht stören, denn vom täglichen Läuten und dem Viertelstundenschlag lassen sich die Störche ja auch nicht beeindrucken. So oder so – für mich ist der Stein des Anstoßes, je nachdem von welchem Standpunkt man es auch betrachtet, die Gelegenheit, mehr über die Pfarrkirche in Eisenhofen zu erfahren, mehr auch über die dritte Glocke, ein späterer und deutlich länger funktionsfähiger Bronzeguss und dem gesamten Geläut. Und ich freue mich auch schon darauf, wenn in wenigen Wochen das Storchenpaar laufend den Kirchturm anfliegt, um den Nachwuchs zu füttern. Ja, so ist es nun mal: des einen Freud, des andren Leid… Schön, dass sich man sich geeinigt hat und sowohl das Kirchenamt, als auch die Naturschützer den Kompromiss »Aufschub beim Glockentausch« tragen können. Und wenn Sie mich fragen, ist es eine Win-win-Situation: In den kommenden Monaten können wir uns an Familie Adebar erfreuen und dann, wenn der Nachwuchs flügge ist, 100 Jahre und mehr am neuen Geläut von St. Alban.