Im dritten Anlauf hat es geklappt. Die Münchner Löwen durften beim Tabellenführer FC Memmingen ihren ersten Sieg in der Regionalliga Bayern bejubeln. Das örtliche Fußballstadion, die Heimat des Fußball-Clubs Memmingen 1907, Verein für Leibesübungen e. V., fasst 5.000 Zuschauer und war beim Gastspiel des TSV 1860 München am Freitagabend restlos ausverkauft. Die kurze Reise nach Bayerisch-Schwaben geriet für die Sechzger zu einem Besuch bei Freunden. Auf den Rängen verzichtete man gleich ganz auf die obligatorische Fantrennung. Sinnbildlich für den warmherzigen Empfang der Münchner war ein selbstgeschneidertes Trikot eines Anhängers, das zur einen Hälfte aus einem Hemd des TSV 1860 und zur anderen Hälfte aus einem des FC Memmingen bestand.
Während der historischen „Revolution des gemeinen Mannes“, auch Bauernkriege genannt, solidarisierte sich die Bevölkerung Memmingens mit den Aufständischen. Ihre im Jahr 1525 in einer Niederschrift verfassten „Zwölf Artikel” gelten als eine der frühesten Forderungen nach Freiheits- und Menschenrechten in Europa. Dieses historische Erbe prägt das Selbstverständnis Memmingens bis heute und findet im Slogan des Tourismusmarketings „Stadt der Freiheitsrechte“ seinen Ausdruck. Einige Historiker interpretieren die „Zwölf Artikel” sogar als die erste verfassungsgebende Versammlung auf deutschem Boden.
Ein zarter Hauch von Freiheit wehte auch über die Tribünen, als die Fans der Weiß-Blauen ein ebenso inbrünstiges wie vielstimmiges „Der TSV ist wieder da“ anstimmten. Dabei wurde die Paradoxie spürbar, dass ausgerechnet der sportliche Tiefpunkt einen neuen Anfang ermöglichte. In einigen Jahren werden diejenigen, die dabei waren, erzählen, wie es war, als der TSV 1860 München abstürzte, seinen Investor verlor – und dabei sich selbst zurückgewann.
Nach gut zehn Minuten lösten sich die Gesänge in kollektiven Jubel auf. Emre Erdoğan hatte sich mit einem beherzten Dribbling über die linke Seite durchgesetzt – seine scharfe, flache Hereingabe grätschte der heranstürmende Routinier Florian Niederlechner aus sechs Metern zum 0:1 ins Netz (12. Min.). Die Gastgeber, die aus den ersten drei Spielen die volle Punktzahl geholt hatten, stellten mit schnellem Umschaltspiel und langen Bällen danach die Defensive der Löwen ein ums andere Mal vor Probleme. Zur Halbzeit stand eine etwas glückliche Führung für die Gäste zu Buche.
„Nach dem Wiederanpfiff haben wir mehr Druck auf die Kette von Memmingen gebracht, wodurch wir viele lange Bälle verhindert haben“, erläuterte Löwen-Trainer Alper Kayabunar. Das gelang zwar meist, aber nicht immer. Die größte Chance zum Ausgleich ließ Luis Pfaumann liegen, der den Ball nach einem gewonnenen Laufduell gegen Julian Bell aus zwölf Metern knapp am kurzen Pfosten vorbeischob (53. Min.). Kurz darauf erhöhten die Gäste. Kapitän Dennis Dressel schickte mit einem starken Pass in die Tiefe den gestarteten Lance Fiedler auf die Reise, der aus dreizehn Metern mit einem Flachschuss das 0:2 erzielte (56. Min.). Es war das erste Tor des 19-jährigen gebürtigen Berliners in der Regionalliga Bayern. Im Gegenzug parierte Löwen-Schlussmann Vitus Eicher mit einer starken Parade einen gefährlichen Abschluss von Constantin Kresin (61. Min.).
Der FC Memmingen drängte nun vehement auf den Anschlusstreffer. Kayabunar reagierte und brachte Tunay Deniz und Arian Ortivero Calderón neu ins Spiel (63. Min.). Eine Maßnahme, die sich auszahlen sollte, denn die Giesinger bekamen nun wieder etwas mehr Kontrolle über das Spiel. Ein Distanzschuss von Deniz landete auf dem Tornetz. Nach einem Ballverlust der Memminger im Mittelfeld lief Ortivero Calderón auf und davon, schüttelte seine Verfolger ab, doch Schlussmann Dominik Dewein konnte seinen Schuss aus spitzem Winkel parieren (72. Min.). Kurz darauf rauschte eine Direktabnahme von Dressel nach einem abgewehrten Eckball nur knapp am Tor vorbei (73. Min.).
In der Schlussviertelstunde warfen die Memminger noch einmal alles nach vorne. Doch den Schlusspunkt setzten die Gäste. Wieder war Dressel der Ausgangspunkt. Sein Zuspiel auf Michael Eberwein verwertete der 30-Jährige im Strafraum mit einem starken Effetschuss unhaltbar zum 0:3-Endstand (89. Min.). Nach dem zweiten Treffer habe seine Mannschaft „das Spiel clever zu Ende gespielt. Es war eine schwere Aufgabe. Aber wir haben uns heute fest vorgenommen, uns zu belohnen und stabil zu stehen. Das ist uns gelungen. Für uns war es wichtig, zu null zu spielen“, erläuterte Kayabunar nach dem Schlusspfiff.
Schon am Dienstagabend sind seine Spieler erneut in der Liga gefordert. In einer vorgezogenen Begegnung des fünften Spieltags treten die Löwen um 19 Uhr beim TSV Aubstadt 1921 im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld an. Die Partie ist ausverkauft. Für Daheimgebliebene überträgt BR24 das Spiel im Live-Stream. (as)