Warum ist die Brailleschrift heute noch so wichtig? Die Antwort ist einfach, denn mittels der Punktschrift können blinde und sehbehinderte Menschen selbstbestimmt lesen, schreiben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Die Digitalisierung bietet eine Ergänzung aber keinen Ersatz. Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) e.V. erinnert jährlich an diese großartige Erfindung.
Louis Braille wurde 1809 in Coupvray, Frankreich, geboren und erblindete im Alter von drei Jahren nach einem Unfall. Mit seiner bahnbrechenden Erfindung der Brailleschrift im Jahr 1825 ermöglichte er es blinden Menschen erstmals, eigenständig zu lesen und zu schreiben. Bis heute ist diese taktile Schrift eine unverzichtbare Brücke zu Bildung, Kultur und Kommunikation für Millionen blinder Menschen weltweit.
Digitale Endgeräte sind nicht überall barrierefrei oder zuverlässig verfügbar. Es ist ein Unterschied, ob ein Roman als Hörbuch vorgelesen wird oder ob jemand ein Buch selber mittels Punktschrift lesen kann. Zudem ist nicht jeder Mensch neuen Techniken gleichermaßen aufgeschlossen. Die Wahlfreiheit der Hilfsmittel ermöglicht mehr Menschen Teilhabe.
In der ersten Klasse der Grundschule wird betroffenen Kindern die Brailleschrift beigebracht. Im Unterricht findet diese Anwendung, Unterlagen werden beispielsweise in Braille ausgedruckt oder als barrierefreie PDF-Dokumente erstellt. Diese Dokumente können dann über die Braillezeile am Computer gelesen werden. Die elektronische Braillezeile koppelt direkt an den Computer an. Ebenso gibt es auch mobile Braillezeilen für unterwegs.So ist der Zugriff auf Unterlagen digital auch unterwegs sichergestellt.
Dazu meint Franziska Weigand, Landesvorständin des BBSB und Grundschullehrerin: „Wer mit Texten arbeiten muss, bedient sich lieber der Brailleschrift als der Vorlesefunktion,die ja auch elektronisch mit Braille-Zeile nutzbar ist. Wichtig finde ich als Grundschullehrerin, dass betroffenen Kindern in der inklusiven Beschulung diese Möglichkeiten geboten werden. Aus diesem Grund wünschen wir uns eine bedarfsgerechte Förderung durch Mobile Sonderpädagogische Kräfte die dem Bedarf der Kinder individuell gerecht werden.“
In öffentlichen Räumen ist Brailleschrift ebenfalls ein Hilfsmittel. An Bahnhöfen beispielsweise gibt es häufig an Geländern einen tastbaren Richtungshinweis in Brailleschrift.Ebenso in Aufzügen, Museen und kulturellen Einrichtungen oder auf Medikamentenpackungen ist Brailleschrift zu finden.
Wer Braille beherrscht, kann Lerninhalte direkt erfassen, statt auf Hörmaterialien angewiesen zu sein. Bildungssysteme weltweit integrieren Braille in Lehrpläne, so dass blinde und sehbehinderte Menschen gleiche Lernchancen erhalten.
Möglicherweise wäre Louis Braille heute ein großer Fan digitaler Technik. Dennoch bleibt die Brailleschrift eine zentrale Säule der Teilhabe, Bildung und Selbstständigkeit blinder und sehbehinderter Menschen. Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund setzt sich weiterhin dafür ein, dass Betroffene die Punktschrift erlernen. Damit Wissen, Kultur und Teilhabe nicht an digitalen Hürden scheitern.
Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB) ist die Selbsthilfeorganisation der rund 100.000 blinden, sehbehinderten und zusätzlich gehandicapten Menschen in Bayern. Er vertritt ihre Interessen gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Ziel des BBSB e.V. ist es, blinden und sehbehinderten Menschen ein selbstbestimmtes und möglichst selbstständiges Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. In zehn Blickpunkt-Auge-Beratungsstellen bietet der BBSB e.V. wohnortnahe Hilfen an – dazu gehören der ambulante Reha-Dienst mit Schulung in selbständiger Haushalts- und Lebensführung, sozialrechtliche Beratung, individueller Textservice, berufliche Rehabilitation,Austausch mit Gleichbetroffenen, Freizeit und Fortbildung.