26.9°C

Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Friday, 7. August 2020 · 17:40 Uhr
 
 
 

»Dialekt vermittelt unsere bairische Lebenskultur«

Siegfried Bradl setzt sich für die bairische Mundart, für Musik, Tanz, Tracht und Brauchtum ein.

Sigi Bradl auf dem »dachauer regiestuhl«. (Foto: Sessner Dachau)
 

Sigi Bradl, 58 Jahre alt ist Volksmusikberater im Dachauer und Wittelsbacher Land, seit 30 Jahren Chef der Hirangl-Musi, seit 40 Jahren engagiert in Sachen Brauchtum, Tracht und Volksmusik und ebenso lange beim BRK. Letztes Jahr wurde dieses jahrzehntelange Engagement gewürdigt mit einer Einladung des Bundespräsidenten Joachim Gauck ins Schloss Bellevue zum Ehrenamtsempfang. Heute hat er für ein Interview auf dem »dachauer regiestuhl« Platz genommen.

KURIER: Du bist im Laufe Deines Engagements für Brauchtum und Dialekt schon mit Ministern, Ministerpräsidenten und Prominenten zusammengekommen. War die Einladung des Bundespräsidenten trotzdem was ganz Besonderes?

Bradl: Ja, das war schon ganz was Besonderes, vor allem weil ich gar nicht damit gerechnet hab. Ich war sehr erstaunt und es hat mich sehr gefreut, dass mein Engagement von außen so wahrgenommen wird. Der Empfang selbst war ein tolles Erlebnis.

KURIER: Du sollst dich über das »rein deutsche Menü« im Schloß Bellevue gefreut haben. Gibt’s bei Bradls keine Pizza, Döner, Burger oder Sushi?

Bradl: 25 Jahre lang war ich beruflich in Europa unterwegs und habe die kulinarische Vielfalt kennen und schätzen gelernt. Ich bin ein großer Verfechter eines »Europa der Regionen«, was auch für das Essen gilt. Bei uns kommt alles, von italienischem bis zum chinesischen Essen auf den Tisch, weil es uns schmeckt. Man braucht sich keine Sorgen machen, dass es bei Bradls nur an »Schweinsbrodn und Knedl« gibt.

KURIER: Als zweiter Vorsitzender bist Du sehr aktiv im »Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V.«, ebenso im von Ministerpräsident Horst Seehofer unterstützten Projekt »MundART – WERTvoll«. Ist Bairisch wirklich so gefährdet, drohen Dialekte auszusterben?

Bradl: Seit 2009 ist die Bairische Sprache von der UNESCO als gefährdete Sprache eingestuft worden. Wenn man Gesamtbayern mit fast 13 Millionen Menschen nimmt, sprechen nur noch zirka drei Millionen Altbairisch, das heißt also Oberbayern, Niederbayern und die Oberpfälzer. Sprachgeschichtlich betrachtet, ist die Bairische Sprache am stärksten noch in Österreich vertreten, denn zirka acht Millionen Österreicher sprechen es.

Man darf nicht vergessen, dass der Dialekt in den 1960er Jahren vom Bayerischen Kultusministerium verboten wurde. Eine falsch interpretierte Studie aus England führte dazu, dass der Dialekt als Sprachbarriere empfunden wurde. Dialektsprecher wurden als etwas dümmlicher betrachtet. Inzwischen weiß man, dass »Dialektsprechen« die beste Basis für das Erlernen von Fremdsprachen ist.

Uns als Verein gibt es seit nunmehr 25 Jahren. Heute können wir langsam die Früchte unserer teilweise sehr mühevollen (Überzeugungs-)Arbeit ernten. Wir nehmen die letzten fünf Jahre eine wunderbar positive Welle für Dialekt, in der Musik, im Kabarett, in Literatur und Theater und auch in Kindergärten und Schulen wahr. Ich glaube, dass hier eine Gegenbewegung zur Globalisierung stattfindet, in der gerade auch jüngere Menschen auf der Suche nach ihrer Identität und ihren Wurzeln sind.

KURIER: Gehört Volksmusik und Dialekt zusammen? Geht das Eine ohne das Andere gar nicht?

Bradl: Da gibt’s ein ganz klares Ja, denn wenn ich singe, hab ich ganz automatisch die Sprache beziehungsweise den Dialekt mit dabei. An dieser Stelle würde ich gerne den Begriff der »Volkskultur« einbringen. Damit meine ich Musik, Gesang, Tanz, Sprache beziehungsweise Dialekt, Kleidung oder Tracht - as Gwand - und auch die Sitten und Bräuche. Alles hängt miteinander zusammen und vermittelt unsere bairische Lebenskultur.

KURIER: Im April fand die Podiumsdiskussion »Bairisch – die geliebte Sprache« statt. Kann man mit solchen Veranstaltungen das Thema »Dialekt« mehr in die Öffentlichkeit rücken oder ist da ein Hoagartn oder Volksmusikabend effektiver?

Bradl: Ich glaub schon, dass die Podiumsdiskussion ein guter Weg war, allerdings nur einer von vielen. Wir brauchen jedoch mehr Veranstaltungen, die sich direkt und intensiver mit Dialekt auseinandersetzen. Ich mache heuer zum vierten Mal in der Furthmühle einen »Altbairischen Mundarttag«, der auf das Thema »Dialekt« fokussiert ist, oder halte Vorträge zum Thema »Wissenswertes und Unterhaltsames zur Bairischen Sprache«.

In Volksmusikveranstaltungen wird bairisch geredet und man hört den natürlichen Umgang mit unserer Sprache. Da es aber eine, wie der Titel schon sagt, Musikveranstaltung ist, steht das Thema »Dialekt« nicht unbedingt im Fokus.

KURIER: Es gibt ja nicht nur einen bairischen Dialekt. Damit ist eine Standardisierung, zum Beispiel für Lehrpläne, doch recht schwierig?

Bradl: Jeder Dialekt ist wichtig, nicht nur der Bairische, sondern alle von Allgäuerisch, Schwäbisch, Fränkisch, Plattdeutsch bis Sächsisch. Bairisch ist einer der beliebtesten und es wird sogar behauptet, dass er »sexy«, gemeint ist damit sicher sehr attraktiv, sein soll.

Ich glaub, dass eine Standardisierung tödlich wäre, denn der Dialekt lebt von den regionalen Mundarten und deren Vielfalt. Damit hab ich die höchste Identifikation zu einer Region, wenn ich »so reden kann, wie mir der Schnabel gewachsen ist« und auch so verstanden werde.

KURIER: Gerade in Kindergärten und Schulen soll mehr Dialekt gesprochen werden. Aber was tun, wenn ErzieherInnen und LehrerInnen selber kein Bairisch können?

Bradl: Das ist ein ganz schwieriges Thema. Ich bin ja selber viel in Kindergärten und Schulen unterwegs und mir begegnet genau das. Was ich schade finde: Früher kam der Volksschullehrer aus der Region, kannte die Familien und das ganze Umfeld. Ich vermisse heute in den Schulen die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Volkskultur und der regionalen Gegend in der man lebt und arbeitet – auch wenn es nur vorübergehend ist.

Schulen und Kindergärten haben die Möglichkeit, sich Leute von außen zu holen, die über und im Dialekt reden und sich mit der Volkskultur beschäftigen. Ich war zum Beispiel über die »Werkstatt der Generationen« schon dreimal in München an einer Montessori-Schule. Für die städtischen Kinder, die heute ganz wenig Dialekt reden und unsere tradierten Sitten und Bräuche nicht mehr so kennen, war das eine große Bereicherung und recht spannend.

KURIER: Verserl und Lieder lernt man in Kindergarten und Schule, da könnte man doch ganz einfach Liedersammlungen wie »Sepp, Depp, Hennadreck« in den Lehrplan aufnehmen?

Bradl: Es ist nicht allein damit getan, jemand eine CD in die Hand zu drücken. Um hier nachhaltig etwas bewegen zu können, gehören zum Beispiel das Singen und das Spielen eines Instruments wieder verpflichtend in die Lehrerausbildung. Hinweisen möchte ich auf die Neuauflage der 400-seitigen Lehrerhandreichung »Dialekte in Bayern« vom Bayerischen Kultusministerium, die 2015 erschienen ist. Es gibt auch noch ein Lesebuch vom Bayernbund »Freude an der Mundart wecken« oder vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte das Mundart-Ratespiel »Woaßt as?« mit über 100 Begriffen, das bestens für Kindergärten und Schulen geeignet ist.

Ich bin auch seit geraumer Zeit in das Projekt »MundART – WERTvoll« vom Wertebündnis Bayern - ein von der Staatsregierung initiierter Verbund von inzwischen über 140 Institutionen, Verbänden und Vereinen - eingebunden. Dieses läuft inzwischen in der zweiten Runde. Die erste war eher Altbairisch (Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz), in der zweiten ist Allgäu und Franken auch mit dabei. Hierbei entstehen Materialien, die zukünftig für Schulen verwendbar sein werden, da die Lehrer im Normalbetrieb oft keine Zeit mehr haben, sich solche Unterlagen zu erarbeiten. Um dieses »Handwerkszeug« aber vernünftig an den Mann zu bringen, muss dann in einem zweiten Schritt in die bereits angesprochene Lehrerausbildung investiert und Trainings sowie Workshops durchgeführt werden.

KURIER: Ist wirklich wissenschaftlich belegt, dass Mundartsprecher sprachlich gewandter und folglich erfolgreicher in Beruf und Gesellschaft sind? Bradl: Inzwischen ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass mit einem Dialekt aufzuwachsen, die beste Basis für das Erlernen von Fremdsprachen ist. Kinder lernen nämlich automatisch zwischen Dialekt und Hochdeutsch (Fachbegriff »Code-Switching«) umzuschalten. Dabei werden im Gehirn wesentlich mehr Synapsen ausgebildet.

Unbedingt muss hier noch das Thema »Selbstbewusstsein« angesprochen werden. Wir ziehen in Bayern oft viel zu schnell den Kopf ein und passen uns sprachlich hochdeutsch Sprechenden an. Ich persönlich hab das nie gemacht. Sowohl mein »südlich eingefärbtes Hochdeutsch« als auch mein »Bavarian English« sind immer gut angekommen. Grundvoraussetzung war natürlich dabei, zu schauen und zu hören, ob ich verstanden werde. Erst danach habe ich, falls erforderlich, mehr in das Hochdeutsche eingeschwenkt. Der schönste Dialekt nutzt ja nichts, wenn du nicht verstanden wirst.

KURIER: Ist es egal, ob Haindling oder die Musikantenstadl-Fraktion musizieren, ob man redet wie Monika Gruber oder sich Herzerl auf Schmerzerl reimen muss: Hauptsach‘ Volksmusik und Dialekt?

Bradl: Ganz egal ist das natürlich nicht. Ich find es halt schade, dass gerade im Kabarett oder im Bereich der »neuen« Volksmusik die bairische Sprache des Öfteren dazu benutzt wird, dass ein Hinterwäldlerisches, geistig etwas zurückgebliebenes Bild gezeichnet wird. Auch wenn es vielleicht persifliert gemeint ist, find ich das nicht gut. Das kann man anders auch machen, denn »Bairisch ist fein«.

Das Schöne am Dialekt ist die Vielfalt und Filigranität, dass man viel mehr mit Unter- und Zwischentönen sagen kann, als es in der Hochsprache möglich ist. Unter dem Gesichtspunkt der regionalen Vielfalt und einem »Europa der Regionen« ist für mich einer der wichtigsten Punkte zu hören, wo man herkommt. Das ist die höchste Identifikation mit seiner Region und dieses »Stückerl Heimat«, meine Sprache, habe ich immer mit dabei.

KURIER: Reden im Jahr 2030 mehr Menschen in ihrer Mundart oder gar keiner mehr? Bradl: Ich hab mich zwar beruflich jahrzehntelang mit Trends und Entwicklungen auseinandergesetzt, aber ich kann nicht sagen, wo das hingeht. Sicher ist aber, dass sich Sprache immer verändert hat. In dem, was wir heute unter Bairisch verstehen, sind italienische, französische und lateinische Begriffe bis zurück zu den Ostgoten enthalten.

Sprache verändert sich genauso wie zum Beispiel Tracht, denn Tracht ist eigentlich auch nur »a Gwand«, das immer der Mode unterworfen war. Das Problem beziehungsweise der Konflikt besteht darin zu entscheiden, was festgehalten und bewahrt werden soll und was nicht. Persönlich geht es mir darum, die Glut weiterzugegeben und nicht die Asche zu bewahren.

KURIER: Welche Frage hättest Du gerne noch beantwortet?

Bradl: Eine interessante, aber schwierige Frage. Vielleicht, ob die Leute voreingenommen sind, wenn man sich für die bairische Volkskultur einsetzt?

KURIER: Also, wirst Du wegen Deines Engagements für die bairische Tradition schnell in die Schublade »oidvadderischer und boarischer Hiasl« gesteckt?

Bradl: Ja, wenn man sich für die bairische Volkskultur engagiert, da wird man automatisch in eine Schublade gesteckt, aus der man ganz schwer wieder rauskommt. Das beste Gegenmittel ist hier sein Tun überzeugend und authentisch rüber zu bringen, denn das spüren die Menschen sofort. Schade ist, dass die Leute heute oft nicht immer drauf schauen, was für ein ganzheitlicher Mensch dahinter steckt. Grad in einer Gesellschaft, die sich immer mehr individualisiert, immer oberflächlicher wird und auf Einzelbereiche fokussiert ist, verlieren viele den Blick auf den ganzen Menschen, bei dem es noch viele andere Facetten zu entdecken gäbe.

Vergelt’s Gott für das ausführliche Interview und weiterhin viel Erfolg. Und ich hoffe schon, dass auch unsere Urenkerl noch Bairisch reden können und dürfen.

Interview: Christl Horner-Kreisl

Foto: Sessner Dachau

Noch mehr Fragen und Antworten auf www.kurier-dacha.de