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Monday, 1. June 2020 · 07:17 Uhr
 
 
 

»Man muss das Amt mit Leidenschaft ausüben«

Die neu gewählte Dritte Bürgermeisterin der Stadt Dachau, Luise Krispenz (Grüne), im Regiestuhl-Interview

Luise Krispenz nahm im Schermhof in Dachau, nahe ihrer Arbeitsstelle, auf dem Regiestuhl Platz. (Foto: Foto Sessner)
 

Luise Krispenz ist die erste grüne Bürgermeisterin Dachaus. Sie ist mit 17 den Grünen beigetreten, ein Jahr später wurde sie als jüngste Vertreterin in den Stadtrat gewählt, dem sie seitdem angehört. Am 5. Mai wurde sie als erste Grüne Dritte Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Dachau. Nach dem Abitur studierte sie Ethnologie mit VWL und Rechtswissenschaften im Nebenfach. Die 30-Jährige ist bei der Döring Management GmbH in Dachau Projektleiterin im Bereich Unternehmenskommunikation.

KURIER: Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Wahl. Was sind eigentlich die Aufgaben eines Dritten Bürgermeisters?

Krispenz: Laut Gemeindeordnung kann der Oberbürgermeister seinen Stellvertretern Aufgaben übertragen, die Vertretung erfolgt der Reihe nach. Konkret geht es um Vertretungen bei der Leitung von Sitzungen oder bei Terminen, wenn Herr Hartmann verhindert ist.

KURIER: Wie waren die Reaktionen aus dem Umfeld nach der Wahl?

Krispenz: Es gab durchweg nur positive Reaktionen, viele gratulierten mir und ermutigten mich, dass ich das machen kann und dass es eine gute Entscheidung war. Ich traue mir das Amt zu und freue mich, dass andere mir diese Aufgaben ebenso zutrauen. Im Vertretungsfall stehen uns ja auch noch die Amtsleiter zur Seite.

KURIER: Was sagen Sie zu dem Vorwurf der CSU, es sei »kein guter Stil«, die zweitstärkste Fraktion bei der Wahl der Stellvertreter außen vor zu lassen?

Krispenz: Ich kann daran nichts Anrüchiges erkennen, noch nicht einmal etwas Ungewöhnliches. Herr Schiller hat es ja selbst erwähnt, dass das auch 1996 und 2008 nicht so war. Es gibt diese Tradition einfach nicht. Dass die CSU dann noch nicht mal einen eigenen Kandidaten aufstellte, hat mich schon gewundert.

KURIER: Hatten Sie irgendwann mal den Wunsch, in so eine Position zu kommen?

Krispenz: Ja, aber erst, als ich für diese Position kandidiert habe. Vorher war das nie ein Ziel. In der Kommunalpolitik ist alles, was man machen darf, schön und eine Ehre. In den Stadtrat gewählt zu werden ist toll, alles andere kommt on top.

KURIER: Wie ist der Kontakt zu den Stadtratskollegen der anderen Fraktionen?

Krispenz: Im Allgemeinen gut, es gibt keine Probleme untereinander. Die Basis dafür ist der respektvolle Meinungsaustausch. Die Leidenschaft, kontrovers miteinander zu diskutieren, teilen wir miteinander.

KURIER: Welche Erfahrungen haben Sie als Stadträtin bisher gemacht? Ist es als Frau schwieriger sich durchzusetzen?

Krispenz: Es war mir in den letzten zwölf Jahren immer problemlos möglich, mich einzubringen und auch durchzusetzen. Ich meine aber, es müssten noch mehr Frauen im Stadtrat sitzen. 2008 waren es zehn Frauen von 40, seit 2014 sind es 14, der Anteil ist also diesmal nicht gestiegen. Ich finde, man muss auf die Parität achten und Frauen gezielt fördern.

KURIER: Wie weit reicht Ihr Interesse an Politik zurück?

Krispenz: Ich bin zwar in einer politischen Familie aufgewachsen, aber das Interesse an der Politik kam erst später. Zuerst habe ich mich ehrenamtlich engagiert. Als 13-Jährige in der Stadtbücherei, später im AK Asyl in der Hausaufgabenbetreuung. Mir ging es vor allem um den Gedanken: Was kann ich für andere und für meine Stadt tun?

KURIER: Und wann sind Sie dann den Grünen beigetreten?

Krispenz: Als ich 17 war, gründete sich der Ortsverein der Grünen in Dachau neu. Da war ich mit dabei und wurde auch als Beisitzerin in den Vorstand gewählt. Mich für den Stadtrat aufstellen zu lassen war für mich die Gelegenheit, mitbestimmen zu können, wie sich unsere Stadt weiterentwickelt. Das wollte ich probieren und es hat auf Anhieb geklappt.

KURIER: Welche Sachthemen stehen für die Grünen beziehungsweise Sie persönlich ganz oben auf der Agenda?

Krispenz: Ganz oben steht der Klimaschutz, er gehört zu den Themen, die am dringendsten anzupacken sind und der auch viele weitere Themen berührt: Die Verkehrswende, die Frage nach der Energieerzeugung, aber auch die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Die Themen sind keineswegs nachrangig und werden noch mehr an Bedeutung gewinnen. Deshalb sind wir beispielsweise für einkommensgestaffelte Kinderbetreuungsgebühren. Es geht um die Leistbarkeit für alle, nicht nur für einen Teil der Gesellschaft.

KURIER: Was erwarten Sie von der AFD, von der Linken und von WIR als den neuen Kräften im Stadtrat?

Krispenz: Sophia Beljung von Die Linke/Die Partei hat sich der Bündnis-Fraktion angeschlossen, das wird sicher weiterhin eine konstruktive Zusammenarbeit. Wolfgang Moll von WIR ist ja ein bekanntes Gesicht im Stadtrat, da weiß ich, woran ich bin. Von der AFD erwarte ich keine Bereicherung.

KURIER: Wie viel Zeit muss man als Stadtrat durchschnittlich aufwenden, um sich in alle Themen gewissenhaft einzuarbeiten?

Krispenz: Das hängt davon ab, in wie vielen Ausschüssen man sitzt. Das persönliche Zeitmanagement ist eine große Herausforderung. Man beginnt mit dem Lesen der Vorlagen eine Woche vor einer Ausschusssitzung. Bei Themen, die mir besonders wichtig sind, lese ich mich zusätzlich nochmal in die Vorberatungen ein, telefoniere mit der Stadtverwaltung oder Fachstellen. Dann diskutieren wir innerhalb der Fraktion darüber und stimmen uns ab. Aber das alles interessiert mich ja auch und dafür wurde ich schließlich gewählt. Man muss das Amt mit Leidenschaft ausüben, sonst wird's anstrengend.

Interview: Andreas Förster

Foto: Sessner Dachau