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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Tuesday, 4. August 2020 · 03:55 Uhr
 
 
 

»Wir brauchen mehr Busfahrer«

Mobilität als Hauptthema beim zweiten Bürgertreff von WIR

Jochen Schweiß (li) von der kommunalpolitischen Vereinigung WIR moderierte den Themenabend mit Landrat Stefan Löwl als Gastredner. (Foto: A. Förster)

Heiß ging es her in der Enoteca Palmieri. Das lag zum einen an den extremen Temperaturen, zum anderen am Thema des Vortrags- und Diskussionsabends, organisiert von der kommunalpolitischen Bürgerbewegung WIR: »Lebensqualität für Dachau und den Landkreis«, wie man sie erhalten oder verbessern kann. Landrat Stefan Löwl nutzte als Gastreferent die Bühne, um seine Aufgaben und den Kompetenzbereich des Landratsamts in Abgrenzung zum Rathaus darzustellen. Dabei räumte er mit gängigen Missverständnissen auf: »Das Landratsamt ist genauso eine selbständige Kommune wie die 17 anderen Kommunen hier im Landkreis und wie der Bezirk«, stellte er klar. Jede Kommune habe unterschiedliche Zuständigkeiten, aber alle agierten auf Augenhöhe. Deshalb sei er den Bürgermeistern auch nicht vorgesetzt. Beim Landratsamt komme noch eine zweite Aufgabe hinzu, es sei auch untere Staatsbehörde und vertrete die Interessen des Freistaats, zum Beispiel bei den Themen Asyl, Bau, KfZ-Zulassung, Natur- und Umweltschutz. Die Finanzierung geschehe über die Kreisumlage und eigene Einnahmen.

Wachstumskiller Fachkräftemangel

Mobilität auf der Straße und der öffentliche Nahverkehr waren auch die Themen, die den Diskussionsteil des Abends bestimmten. Löwl war, im Gegensatz zu Markus Witte aus Dachau-Ost, dezidiert der Ansicht, dass man Wachstum kaum steuern könne, ohne in den marktwirtschaftlichen Prozess einzugreifen und eine Verteuerung des Wohnraums herbeizuführen. »Wenn ich nichts mehr baue, gehen die Preise weiter durch die Decke«, warnte er. Man müsse anders bauen, enger, höher, mit weniger Parkplätzen über der Erde und mehr Tiefgaragen. Bei einer dichten Wohnbebauung sei auch der öffentliche Nahverkehr besser ausgelastet, nur dann lohne er sich. Und zum Wachstum sagte er: »Der Wachstumskiller Nummer eins ist der Fachkräftemangel.« Der werde in Zukunft noch viel größer.

Gerhard Schlabschi, Vorstand der Bürgerinitiative Anwohnerfreundliche Entwicklung Dachau-Ost, wünschte sich eine eigene Fahrspur für Stadt- und Landkreisbusse sowie eine bessere Erschließung des Umlands durch den ÖPNV. »Da bin ich ganz bei ihnen«, sagte der Landrat, »aber dazu bräuchten wir viel mehr Busfahrer, und die gibt es nicht.« Und weil man nur dann ausreichend Fördermittel bekäme, wenn ein eindeutiger Bedarf nachweisbar sei, wünsche er sich, dass die Bürger sich lautstark für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs im ländlichen Raum einsetzten.

Der Aussage einer Zuhörerin, das Auto sei immer noch billiger als der Bus, erteilte er eine klare Absage: »Wenn Sie alle Ausgaben mit Versicherung und Inspektionen mit einrechnen, liegen Sie bei mindestens 40 Cent pro Kilometer, da können Sie locker auch mit dem Bus nach Hebertshausen fahren.« Einig war er sich mit Gabriele Siegl von WIR: »Der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor hat keine Zukunft.« Mobilität werde sich verändern: Mehr elektrische Fahrzeuge, autonomes Fahren, Autos nur noch für die, die es unbedingt brauchen, wie Pflegekräfte oder Handwerker mit Ladung. Er selbst nehme gerade beim Stadtradeln teil, verriet Löwl. Dadurch fehlen ihm allerdings 20 bis 30 Minuten, die er vorher im Fond des Autos für Telefonate und E-Mails nutzen konnte. Aber irgendeine bittere Pille müsse man schlucken, wenn man etwas verändern wolle.