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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Saturday, 4. April 2020 · 08:34 Uhr
 
 
 

»So etwas darf es nicht noch einmal geben«

Die erschütternden Erlebnisse des KZ-Überlebenden Erich Finsches

Erich Finsches vor seinem Hotel in Dachau. (Foto: Foto Sessner)
 

Erich Finsches' Martyrium begann 1938, da war er zehn Jahre alt. Er ist zwar jüdischer Abstammung, aber der Glaube selbst hat ihm nie viel bedeutet. Nach Auschwitz und später ins Dachauer Außenlager Mühlheim am Inn kam er als deutscher Widerständler. Bei Kriegsende war er 17 Jahre alt, seit 1938 auf der Flucht oder in Gefangenschaft. Anlässlich der Befreiungsfeiern Anfang Mai war der Österreicher in Dachau zu Gast. In zwei aufeinanderfolgenden Gesprächen schilderte er in aller Ausführlichkeit, was ihm als Jugendlicher widerfuhr. Von Bitterkeit keine Spur. Wohl aber ein ungeheurer Wille, nichts zu vergessen und nichts in Vergessenheit geraten zu lassen. »Denn das, was die Nazis getan haben, darf sich nie mehr wiederholen.« Dieser Satz ist ein Fanal, wenn er von einem Zeitzeugen wie Erich Finsches ausgesprochen wird.

KURIER: Herr Finsches, wie geht es Ihnen?

Finsches: Es geht. Das Laufen fällt mir schwer. Ich habe Herzprobleme und Diabetes. Aber ich will nicht klagen.

KURIER: Haben Ihre gesundheitlichen Probleme mit Ihrer Zeit im KZ zu tun?

Finsches: Überwiegend, aber auch mit der Folter durch die Gestapo und mit der Zwangsarbeit, die ich als Kind im Arbeitslager Eisenerz ableisten musste. Das ging los, da war ich noch keine elf Jahre alt. Im KZ habe ich auf dem Bock viel aufs Kreuz bekommen. Das war der Straftisch, auf den man fixiert und mit Knüppeln geschlagen wurde. Viermal war ich verschüttet, eine Beckenfraktur habe ich davongetragen. Im Widerstand wurde ich angeschossen und am Kopf verletzt.

KURIER: Wie kam es dazu?

Finsches: Ich war vor den Nazis von Wien nach Ungarn geflohen. Bei Budapest hatte ich eine Tante und konnte eine Lehre anfangen. Am Bahnhof unterhielt ich mich oft mit deutschen Soldaten, die mir gegen Lebensmittel von ihrer Truppe erzählt haben. Diese Informationen gab ich an den Widerstand weiter. So lernte ich Josip Broz Tito kennen, den späteren jugoslawischen Präsidenten. Er gab mir den Auftrag, zusammen mit Widerständlern eine Brücke zu sprengen. Bei der Flucht erlitt ich einen doppelten Bauchdurchschuss und ein Schrapnell streifte meinen Kopf. Ich habe geblutet wie sonstwas.

KURIER: Wie überlebten Sie?

Finsches: Die Deutschen griffen mich auf und verhörten mich. Sie gaben mir ein dreckiges Handtuch gegen die Blutungen. Ich verdanke es einem SS-Offizier, dass ich nicht umgebracht, sondern ins Lazarett gebracht und dort zusammengeflickt wurde. Nicht alle SS-Männer waren gewissenlos oder kaltblütig.

KURIER: Wie kamen Sie ins Lager nach Auschwitz?

Finsches: Nachdem man mich zusammengeflickt hatte, wurde ich in den nächsten Transportzug nach Auschwitz gesteckt. 120 Menschen in einem Waggon mit einem Kübel Wasser und einem für die Notdurft. Wir hatten keinen Platz zum Sitzen oder Schlafen. Es waren Frauen, Kinder und alte Menschen dabei. Bald stank es bestialisch. Wir hielten in der prallen Sonne am Tag und fuhren in der Nacht. Es dauerte drei Tage. Mehrere Menschen starben.

KURIER: Wie haben Sie Auschwitz überlebt?

Finsches: Wir wussten von den Gaskammern, das hatte sich schon herumgesprochen. Nur wer arbeitsfähig war, wurde nicht sofort ins Gas geschickt. Also riss ich mich trotz der Schmerzen zusammen und ging aufrecht zur Selektion. Dort haben sich Tragödien abgespielt. Frauen und Kinder nach rechts, gesunde Männer nach links. Die Väter wollten sich nicht von ihren Familien trennen und wurden brutal mit Peitschen und Knüppeln in die Reihen gezwungen. Ich durfte nach links, das hieß Arbeitslager. Die rechte Reihe führte in den Tod.

KURIER: Wieso kamen Sie später nach Mühldorf?

Finsches: Man brauchte Männer für einen Arbeitseinsatz. Auschwitz selbst habe ich nur durch einen glücklichen Umstand überlebt. Weil ich ungarisch sprach, diente ich dem Kapo als Übersetzer und freundete mich mit ihm an. Er warnte mich, als eine Lagerräumung anstand, die meinen Tod bedeutet hätte. Ich versteckte mich für mehrere Tage in einer Esse. Genau weiß ich es nicht mehr, weil ich zwischendrin bewusstlos war.

KURIER: Unglaublich. Wie war es in Mühldorf?

Finsches: Da waren die Arbeits- und Lebensbedingungen noch härter. Auschwitz war die sofortige Vernichtung. In Mühldorf ist man durch die Unterernährung, Misshandlung und Schwerstarbeit langsam vernichtet worden. Wer beim Anlegen der Bunkeranlagen abrutschte und in die Grube fiel, wurde einfach einbetoniert. Am Ende war ich dem Tod näher als dem Leben.

KURIER: Wie erging es Ihnen nach der Befreiung?

Finsches: Ich war ja noch nicht volljährig und meine Eltern als Juden enteignet worden. Meine Mutter ist wohl in einem Vernichtungslager umgekommen, mein Vater wurde auf der Flucht in Frankreich bei einem Angriff schwer verletzt und im Lazarett wahrscheinlich umgebracht. Man schickte mir später den Totschein: 17.9.1942. Eine Entschädigung für das erlittene Unrecht bekam nich nie. Ich war viele Jahre nervenkrank und sehr aufbrausend. Das besserte sich erst mit einem bestimmten Medikament. Da war meine erste Ehe aber schon gescheitert. Immerhin konnte ich später in der Gastronomie Fuß fassen.

KURIER: Sie gehen seit Jahren in die Schulen und sprechen mit Jugendlichen über ihre Erlebnisse. Wer wird ihre Erinnerungsarbeit fortführen?

Finsches: Meine beiden Söhne wollen nichts damit zu tun haben. Für mich war die Aufklärung der nachfolgenden Generationen immer eine Herzensangelegenheit. Denn das, was mir und den anderen Zeitzeugen passiert ist, darf es nicht noch einmal geben.

KURIER: Wie empfinden Sie es, dass heute der Antisemitismus weltweit wieder zunimmt?

Finsches: Das ist der typische Müll der Kopflosen und Verblendeten. Ein ehrlicher und anständiger Mensch sagt: Diskriminierung kann und darf es nicht mehr geben, egal welcher Weltanschauung.

KURIER: Bei der Europawahl scheinen die populistischen, anti-europäischen Parteien Zulauf zu bekommen...

Finsches: Der Zusammenhalt in Europa ist wichtig. Er ist die einzige Möglichkeit, den Frieden zu erhalten. Ich bin sehr dafür, es auszubauen. Mit einer gemeinsamen Außen - und Sozialpolitik.

KURIER: Wir bedanken uns für das intensive Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute.

Interview: Andreas Förster

Foto: Sessner Dachau

Anmerkung der Redaktion: Wer Erich Finsches' ausführliche Lebensgeschichte hören möchte, der kann dies über die österreichische Mediathek tun: www.mediathek.at/portaltreffer/atom/193F070B-1F1-0020B-000008AC-193E0B55/pool/BWEB/ Das mehrstündige Interview wurde im Januar 2004 mit der Kamera aufgezeichnet.