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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Monday, 1. June 2020 · 01:51 Uhr
 
 
 

»Heimat ist kein nachwachsender Rohstoff«

Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger aus Dachau, auf dem »dachauer regiestuhl«

Dr. Norbert Göttler im Interview mit dem KURIER. (Foto: Sessner Dachau)
 

Seit fünf Jahren ist der Dachauer Schriftsteller, Regisseur, Theologe und Historiker Dr. Norbert Göttler hauptberuflich Bezirksheimatpfleger für Oberbayern. Sein Amt darf der 58-Jährige gleich in zwei beneidenswerten Dienstsitzen ausüben. Im herrlichen Kloster Benediktbeuern und in der Münchner Prinzregentenstraße. Tatsächlich aber hat Göttler gar nicht so viel davon, weil er meistens auf Dienstreise ist. Und auch sonst ist sein Job wenig romantisch: Anträge prüfen, Beratungen durchführen, Referate ausarbeiten, Diskussionen leiten. Alles mit dem Ziel: Die Heimat zu schützen und zu fördern. Was das genau bedeutet, erklärt er im Interview.

KURIER: Was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Göttler: Ich könnte es mir einfach machen. Heimat ist da, ich wohne, in Walpertshofen. Da wohnt meine Herkunftsfamilie seit rund vierhundert Jahren. Aber heute hat Heimat eher mit zwischenmenschlichen Netzwerken zu tun, und die sind bei mir weit verstreut. Zumal die topographische Heimat nicht immer das hält, was sie verspricht. Schließlich kann man sich auch in abstrakten Gebilden, zum Beispiel in Literatur und Philosophie beheimatet fühlen. Auch das ist bei mir der Fall.

KURIER: Als was fühlen Sie sich, wenn Sie an Ihre Herkunft denken: Als Dachauer, Bayer, Deutscher oder Europäer?

Göttler: Alles zusammen, das lässt sich nicht voneinander trennen. Identität endet heute nicht mehr an regionalen oder nationalen Grenzen.

KURIER: Was macht das Amt der Bezirkheimatpflegers so reizvoll?

Göttler: Sich Gedanken darüber zu machen, welche Heimat wir der nächsten und übernächsten Generation überlassen wollen. Darauf aufmerksam machen, dass alles, was wir treiben, auf historischem Boden steht. Das hat auch eine politische Dimension. Heimatpflege muss historisch und ethnologisch fundiert sein, aber muss vor allem Zukunftsverantwortung übernehmen.

KURIER: Was sind die Schwerpunkte Ihres Amtes - und wie würden Sie die letzten fünf Jahre bewerten?

Göttler: Heimatpflege ist eine verbindende Tätigkeit, die sich in Denkmalpflege, Ortsbildgestaltung, Landesplanung, aber auch in regionaler Kulturarbeit, etwa in den Bereichen Geschichtsforschung, Brauchtumspflege, Literatur, Musik und Theater niederschlägt. Diese Vielfalt ist besonders reizvoll, aber auch herausfordernd. Der Bezirk Oberbayern vergibt in diesen Bereichen etwa zweieinhalb Millionen pro Jahr an Zuschüssen, auch diese Antragsteller wollen beraten und begleitet sein.

KURIER: Kann das auch mal frustrierend beschwerlich sein?

Göttler. Natürlich kämpft man manchmal gegen Windmühlen, etwa in Denkmal-Angelegenheiten oder in Fragen des starken Siedlungsdrucks unserer Metropolregion. Da muss man manchmal auch seine Grenzen erkennen. Aber Heimat ist kein nachwachsender Rohstoff, man kann irreparable Schäden anrichten. Wenn wir verreisen, dann doch nur in Regionen mit einigermaßen intakter Landschaft und historischer Bausubstanz. Anderswo erwarten wir das, aber zuhause ist immer alles schwierig. Ich nenne das kulturelle Schizophrenie.

KURIER: Wo gefällt es Ihnen am besten, wenn Sie nicht in Bayern sind?

Göttler: Persönlich reise ich gerne in Großstädte wie Paris, London, Berlin, Wien oder New York. Solche Städte sind sicherlich anstrengend, aber auch Kulminationspunkte für Kultur. An Ihnen kann man ablesen, was Jahre später die Regionen erreichen wird.

KURIER: Was wünschen Sie sich für die Entwicklung unseres Landkreises beziehungsweise des Bezirks Oberbayern aus kultureller, sozialer und ökologischer Sicht?

Göttler: Das Anwachsen der Metropolregionen ist vor allem ein Wunsch der Industrie und der von ihr abhängigen Gesellschaftsgruppen. Gerade in einem föderalen Staat wie Deutschland hätte man die Chance, nicht nur fünf, sondern vielleicht zwanzig Verdichtungsräume zu kreieren und damit den Druck zu mindern. Dazu muss die Politik Steuerungsmechanismen entwickeln. Im Kleinen kann man nur versuchen, innerhalb der dichten Besiedelung Räume mit historischer und sozialer Identität zu schaffen oder zu erhalten. Etwa historische Ortskerne, Altstädte, Ensembles. Im Landschaftsschutz muss alles dafür getan werden, unnötigen Flächenverbrauch zu vermeiden und Anreize zu schaffen, dass auch die industrialisierte Landwirtschaft sich ökologischen Maßstäben verpflichtet. Von beidem sind wir weit entfernt.

KURIER: Was liegt Ihnen neben der Heimatpflege noch am Herzen?

Göttler: Wir haben uns daran gewöhnt, menschheitsgeschichtliche Errungenschaften wie Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung als selbstverständlich anzunehmen. Wir sehen in diesen Tagen, dass sie nicht selbstverständlich sind, sondern ständig verteidigt werden müssen. Ich halte das neue nationalistische und reaktionäre Gedankengut für eine massive Gefahr für unsere Heimat. Keinesfalls können sich diese Geister darauf berufen, in irgendeiner Weise Heimat zu pflegen, auch wenn sie das Wort stets im Munde führen.

KURIER: An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Göttler: Unter anderem darf ich an der Idee mitarbeiten, auf dem Gelände der ehemaligen MD-Papierfabrik Dachau ein überregional wirksames Museumszentrum zu errichten. Neben den bestehenden Dachauer Museen sollen dort ein Arbeiter- und Industriekulturmuseum sowie eine Demokratiewerkstatt Platz finden. Teile des Dachauer Stadtrates wissen noch nicht, ob sie das für gut finden sollen. Wir werden sehen...

Danke für das interessante Gespräch.

Interview: Andreas Förster

Foto: Sessner Dachau