8.77°C

Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Friday, 14. May 2021 · 00:25 Uhr
 
 
 

Chefarzt operiert Chefarzt

Vertrauensbeweis im OP des Helios Amper-Klinikums

Professor Axel Kleespies (li) und Dr. Maximilian Rist im OP 8, in dem auch die Bauchspeicheldrüsen-Operation stattfand. (Foto: Helios)

Es beginnt mit Schmerzen in der linken Seite. Einige Wochen später schaut Anästhesie-Chefarzt Dr. Maximilian Rist auf den Befund der Computertomographie. Er greift zum Telefon und ruft seinen Kollegen Professor Axel Kleespies an. »Du musst kommen. Es geht um mich«, sagt Rist. Fünf Minuten später ist Kleespies da. Dr. Rist hat eine ungewöhnliche Form der akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung, des Pankreasschwanzes. Es findet sich zunächst kein ersichtlicher Grund. Keine Gallensteine, keine Medikamente oder sonstigen schädlichen Substanzen, die dazu geführt haben könnten. Alle Laborwerte, alle Bilduntersuchungen – ob Computertomographie, Magnetresonanztherapie oder Ultraschall – zeigen keine eindeutige Ursache der Entzündung.

Die Symptome werden unter einer konservativen Therapie und einer schonenden Diät zwar besser, »da uns aber die Ursache der Bauchspeicheldrüsenentzündung keine Ruhe ließ, vereinbarten wir weitere Untersuchungen«, erzählt Professor Kleespies, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Onkologischen Chirurgie am Amper-Klinikum. Erst eine spezielle Rezeptorspezifische PET-CT-Untersuchung, die versteckte Tumore der hormonbildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse nachweisen kann, bringt Klarheit: Ein kleiner, den Hormonzellen entspringender Bauchspeicheldrüsen-Tumor hat zu einer Abflussstörung und damit zu einer chronischen Entzündung des Bauchspeicheldrüsenschwanzes geführt.

In der Hand der Kollegen

Beiden Ärzten ist sofort klar, was das bedeutet: Eine Bauchspeicheldrüsen-OP gehört zu den schwierigsten Operationen des Bauchraums. Das Pankreas ist ein zentrales Organ, das engen Kontakt zu allen wichtigen Blutgefäßen hat, die Leber, Magen, Milz und Darm versorgen. »Axel, operierst Du mich?«, fragt Dr. Rist seinen Kollegen. Der zögert keine Sekunde: »Na klar«.

Nur wenige Chirurgen dürfen diese Operation durchführen. Krankenhäuser mit einer besonderen Expertise, sehr guten Therapieergebnissen und entsprechend ausgebildetem Personal werden von der Deutschen Krebsgesellschaft als Pankreaszentrum zertifiziert. Das Helios Amper-Klinikum hat dieses seltene Zertifikat, Professor Kleespies leitet das Pankreaszentrum und das übergeordnete Cancer Center in Dachau. »Ich habe bei solchen OPs neben ihm gestanden, ich weiß, dass er es kann«, sagt Dr. Rist über seinen Kollegen.

Nur die Mitarbeiter, die am Tag seiner Operation im OP stehen, werden in das Vorhaben eingeweiht. Rists Leitender Oberarzt und Leiter der Intensivstation, Dr. Michael Daunderer, macht die Narkose. Dann setzt Kleespies zum großen Bauchschnitt an. »Aufgrund der chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse konnten wir die Operation nicht mit der schonenderen Schlüssellochtechnik durchführen«, erklärt Kleespies. Vier Stunden dauert die OP. Kleespies entfernt zwei Drittel der Bauchspeicheldrüse, den Tumor, die Milz, die Gallenblase, Anteile der Nierenkapsel und der Lymphknoten. »Aufgrund der fortgeschrittenen chronischen Bauchspeicheldrüsen-Entzündung war der Magen fest mit der Bauchspeicheldrüse verwachsen. Den entzündeten Teil der Bauchspeicheldrüse und den Tumor komplett zu entfernen, den Magen aber unter allen Umständen zu erhalten, das war das Ziel. Und das haben wir erreicht«.

Perspektivwechsel: Patient auf der eigenen Station

Noch im OP-Saal ruft Kleespies die Ehefrau seines Patienten an und gibt Entwarnung. Als Rist wenig später auf der Intensivstation erwacht, fällt sein professioneller Blick sofort auf die Anzeigetafeln. Automatisch kontrolliert er die Geräte, die seine Organfunktionen und Atmung überwachen. Von seinem Team erfährt er, wie schwierig die Operation war. Drei Tage liegt er dort und lernt die Kolleginnen und Kollegen seiner eigenen Abteilung von einer ganz neuen Seite kennen – aus Sicht des Patienten. Nach sieben weiteren Tagen auf der Normalstation wird er nach Hause entlassen.

Seine Eindrücke und Erfahrungen als Patient bringt er in die Verbesserungsprozesse des Klinikums mit ein, zum Beispiel ein neues Farb- und Lichtkonzept für die Zimmer auf der Intensivstation. Vier Wochen später steht er wieder im OP, Seite an Seite mit Kollege Kleespies.