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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Monday, 12. April 2021 · 07:42 Uhr
 
 
 

Wünsche wahr werden

Schreinerei Grahamer beweist Weitblick

Die »Schreinerfamilie« im Eisenhofener Weitblick-Ausbildungsbetrieb: Carlos Benede, Simon Grahamer, Simmerl Grahamer, Tilmann, Manulito, Justin und Betreuer Marjol Bego (v. l.) (Foto: öxler)

Böse Jungs – gute Jungs… Unter diesem Titel habe ich Ihnen vor vier Jahren, auch so um die Weihnachtszeit, den gemeinnützigen Verein Weitblick-Jugendhilfe in Dachau vorgestellt. Das Ziel der Non-Profit-Organisation: gestrauchelten beziehungsweise traumatisierten jungen Menschen bis zum 18. Lebensjahr ein Zuhause geben – Verständnis, Geduld und positives Denken inklusive. Dazu drei Regeln, die von den in den Räumlichkeiten des früheren Hotels Aurora in zwei heilpädagogischen Wohngruppen lebenden Jugendlichen beachtet werden müssen: 1. Respekt jedem gegenüber, 2. keine Gewalt und 3. striktes Alkohol- und Drogenverbot. Wobei diese auch für die Älteren ab dem 18. Lebensjahr gelten, die sozialpädagogisch einzelbetreut wohnen.  
Seit 2012 engagiert sich hierfür ein engagiertes Team von Betreuern und Pädagogen unter der Leitung von Carlos Benede und Siegfried Hofer. Wobei sich die beiden mit diesem durch Geld- und Sachspenden aus der heimischen Wirtschaft, von Privatleuten und der Aktion »Sternstunden« mitfinanzierten Erfolgsmodell nicht zufrieden geben. »Frontmann« Carlos Benede, selbst als Heimkind bei den Franziskanern in Dillingen aufgewachsen, weiß um die Nöte, mehr noch die seelische Belastung sozial benachteiligter Kinder und Jugendliche aus eigener Erfahrung. So sucht er ständig nach Wegen, das Weitblick-Angebot zu optimieren und nach Möglichkeit auch zu erweitern. Es gehe ihm nicht nur darum, seinen Zöglingen ein Dach über den Kopf, regelmäßige Mahlzeiten und Aufsicht zur Verfügung zu stellen. Ein fürsorgliches Zuhause, quasi eine »Familie« geben, ist das vorrangige Ziel des Münchner Ex-Kommissars. Darüber hinaus war und ist ihm bewusst, dass für die Integration in die Gesellschaft noch einiges mehr nötig ist, beispielsweise Schule, Ausbildung, ein Beruf. So vermittelte er Praktikumsstellen und Lehrstellen, oft aber nicht mit dem erwarteten Erfolg. Sein Wunsch: ein eigener Ausbildungsbetrieb, in dem besondere Rücksicht auf die besonderen Belange der benachteiligten jungen Menschen genommen werden könne. Ein schöner Traum halt… Bis zu dem Tag im Frühjahr 2019, als er sich einmal wieder mit Schreinermeister und Seniorchef Simon Grahamer unterhielt und der ihm von seinen Überlegungen erzählte. Der Eisenhofener Handwerksbetrieb suche Untermieter oder eine Beteiligung. Denn die Zeiten, in denen 15 bis 20 Schreiner bei ihnen vollbeschäftigt waren, seien längst vorbei. Sie würden aktuell noch zu dritt arbeiten – in viel zu großen, gut ausgestatteten Räumlichkeiten. War es Zufall, eine göttliche Eingebung gar? Jedenfalls war dieses Gespräch der Start in eine neue Zukunft. Für die wirtschaftlich orientierte Traditionsschreinerei ebenso wie für den gemeinnützigen Verein. Ohne auf die vertraglichen Umstände näher einzugehen, bilden Simmerl Grahamer und sein Geselle Alex derzeit drei Burschen aus, die – wie ich die Tage selbst beobachten konnte – mit Eifer bei der Sache sind. Bei einer ziemlich konkreten, übrigens. Denn das anschließende, ehemalige Wohngebäude war bis dahin auch kaum genutzt, seine künftige Nutzung ungewiss, sein Bestehen sogar infrage gestellt. Bis… ja, bis Carlos Benede hierin das geeignete Objekt für sein jüngstes Projekt, eine zusätzliche betreute Wohngruppe von gestrauchelten beziehungsweise traumatisierten Kindern bis 14 Jahre, sah.Wiederum schnell entschlossen, wurden Eigentumsverhältnisse und Nutzung, nach entsprechendem Ausbau, beschlossen. Und diesen Ausbau nimmt die Schreinerfamilie Grahamer mit seinen beiden Lehrlingen Manulito und Justin sowie Praktikant Tilmann - hauptsächlich in Eigenregie – vor. Learning by doing… Ach ja – Zufall oder göttliche Fügung, dass es das Geburtshaus des seliggesprochenen Bruder Josef OSB war, der hier als Benno Grahamer geboren wurde?