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Tuesday, 2. March 2021 · 12:33 Uhr
 
 
 

»Jetzendorf wird sich weiterhin positiv entwickeln«

Im Gespräch mit Bürgermeister Manfred Betzin und Brendan Todd, Vorsitzender des Gewerbevereins

Jetzendorfs Bürgermeister Manfred Betzin. (Foto: dek)
 

Eigentlich hätte ich jetzt Bürgermeister Manfred Betzin um ein Grußwort für den Jetzendorfer Wald-Christkindlmarkt gebeten. Leider fiel dieser der Corona-Pandemie ebenso zum Opfer wie der Frautag im August, die Gewerbeschau im Juli und die vielen anderen großen und kleinen Feste und Veranstaltungen. »Wie geht es Jetzendorf mitten im zweiten Lockdown?«, darüber spreche ich mit Manfred Betzin und Brendan Todd, dem Vorsitzenden des Jetzendorfer Gewerbevereins.

KURIER: Wie geht es Euch und Euren Familien, sind Kinder, Verwandte und Freunde gesund?

Betzin: Bei uns daheim sind alle gesund, die Kinder noch in der Schule – passt alles.

Todd: Bei uns sind auch alle gesund. Wir schauen, dass wir solange weiterarbeiten können, wie uns die Regierung das erlaubt.

KURIER: Dass das Handwerk den sprichwörtlichen goldenen Boden hat, beweist auch diese Krise. Die Auftragslage ist besser denn je, die Arbeit kaum zu bewältigen. Wie geht es den anderen Mitgliedern aus dem Gewerbeverein?

Todd: Ich denke im Bauhandwerk wird sich die Auftragslage verschieben. Die aktuellen Aufträge wurden ja vor Corona erteilt, jetzt überlegen sich die Leute, ob sie noch bauen können. Das wird sich bis 2022/23 hinziehen, dann erwarte ich eine Delle. Auch das Dienstleistungsgewerbe glaube ich ist, wenn es nicht Automobil-lastig ist,  in Ordnung. Schwer betroffen sind natürlich jene Branchen, die nun zum zweiten Mal schließen mussten.

KURIER: Einnahmen auf Gewerbesteuer und Lohnsteueranteil werden wegbrechen, bedroht das geplante Gemeinde-Projekte in den nächsten Jahren?

Betzin: Konkrete Projekte noch nicht. Wir erwarten dieses Jahr Einnahmeverluste von rund 25 Prozent, damit haben wir aber im aktuellen Haushalt schon kalkuliert. Wie groß dann die Delle 2021/22/23 sein wird, kann man schlecht vorhersagen. Das kommt darauf an, wie unsere Bürgerinnen und Bürger in Lohn und Brot stehen und was unsere Betriebe machen. Auswirkungen wird es auf alle Fälle haben. Angefangene notwendige Projekte müssen wir durchziehen, zur Not müssen wir anderweitig finanzieren.

KURIER: Brendan, du bist als Anlage- und Finanzberater tätig. Halten Deine Kunden ihr Geld jetzt zusammen, wird anders oder vorsichtiger investiert?

Todd: Uns sind alle Kunden treu geblieben, auch weil wir gleich aktiv auf sie zugegangen sind. Vor dem ersten Lockdown im März gab es tatsächlich ein Rekordanlagevolumen, dann ging es, wenn auch nur kurz, runter. Die Mandanten haben die gefallenen Kurse zum Einstieg mit 20% »Rabatt« genutzt, so dass wir jetzt ein höheres Anlagevolumen haben als vor Corona.

KURIER: Die katastrophale digitale Ausstattung an unseren Schulen war ja längst bekannt, dass man aber in den Sommermonaten so wenig erreicht hat, ist in meinen Augen ein Armutszeugnis. Wie geht es Euren Kindern?

Betzin: Der Kern deiner Aussage stimmt, da kann ich nur beipflichten. Die große Crux an der Sache ist, dass man Förderprogramme auflegt, die in der Praxis nicht umsetzbar sind. Ob das ein Glasfaseranschluss für die Schule ist oder eine völlig konzeptlose Beantragung über 1.000 Anträge für zehn Laptops/Tablets. Was komplett fehlt ist eine Vorgabe, wie es an einer Grundschule, eine Mittelschule und einer weiterführende Schule auszusehen hat. Jetzt muss sich jeder Rektor selber Gedanken machen, jeder Sachaufwandsträger überlegen, wie er das finanziert. Es gibt keinerlei Unterstützung, wie man diese Systeme dann langfristig betreut. Da sind wir völlig allein gelassen, das ist katastrophal und von unserer Regierung verschuldet.

Wir haben es Gott sei Dank geschafft, mit sehr guten Rektorinnen und einem sehr guten Konzept für unsere Grundschulen. An den weiterführenden Schulen haben sich viele Lehrer nur langsam an die Situation gewöhnt – das kann ich aus eigener Erfahrung aus der Schule meines Sohnemanns berichten.

Todd: Alle Eltern wissen, was im Kindergarten geleistet wurde und wird, darum hat der Elternbeirat an alle Erzieherinnen einen Dankesbrief geschrieben. Von oben herab gibt es jede Woche eine andere Vorgabe, keiner kennt sich mehr aus. Trotzdem lassen sich die Erzieherinnen nicht entmutigen und engagieren sich verstärkt.

In der Schule liegt es sehr viel am jeweiligen Lehrer. Meine Tochter ist in der zweiten Klasse und was die Lehrer dort geleistet haben, ist fantastisch. Es gab zum Beispiel einen Google-Kalender, wo man dann Telefontermine vereinbaren konnte, damit der Kontakt während des ersten Lockdowns nicht verloren ging. Das war/ist Eins A mit Stern!

KURIER: Du bist ja vor ein paar Wochen mit einem großen Paukenschlag aus der CSU ausgetreten. War ein Grund vielleicht das Krisenmanagement der Bayerischen Staatsregierung?

Betzin: Das war die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Es hat schon länger gegärt in mir, aber dieses »Krisenmanagement« hat die Entscheidung bestätigt.

Ich denke wir sind sehr gut gestartet. Keiner wusste im März, was da kommt, da musste man erstmal reagieren. Der erste Lockdown war in Teilen nachvollziehbar. Was wir jetzt machen ist, in meinen Augen nur noch Aktionismus, Populismus und völlige Unplanbarkeit. Warum tagen in Berlin nicht 16 Virologen und unsere Spitzenmediziner und beraten dann die Politik? Nein, da sitzen 16 Ministerpräsidentin, von denen jeder der größte Beschützer oder Lockerer sein will, je nachdem was grad populär ist. Sich in Maßnahmen zu stürzen, ohne diese zu bewerten wie jetzt den (Teil)Lockdown, das ist für mich verantwortungslos. Und da kommt leider auch ein großer Beitrag aus den Unionsparteien.

KURIER: Sind die neuen Gemeinderäte und erstmals vertretenen GRÜNEN eine Bereicherung oder eher sperrige Mitglieder?

Betzin: Ich denke, das kann man nach diesem halben Ausnahmejahr noch gar nicht sagen, aber es wird sich alles einschleifen. Der Ansatz im Gemeinderat ist immer noch der Gleiche: wir wollen gute Projekte miteinander anschauen und durchsetzen. Das läuft schon.

KURIER: Manche haben Angst vor Corona, die anderen verharmlosen oder leugnen die Gefahr durch das Virus. Wird die Gesellschaft sich mehr und mehr spalten und kann die Politik das verhindern?

Betzin: Verhindern glaube ich nicht. Aber die Politik könnte es mildern, wenn man zum Beispiel die Pandemie-Entscheidungen auf Fakten basiert, die Menschen mitnimmt, erklärt was man wie macht, dass man abgewogen hat und die Nebenwirkungen in Kauf nimmt. Oder dass man eine Maßnahme kippt, weil die Nebenwirkungen zu hoch sind. Ein Beispiel ist die Gastronomie, die jetzt in meinen Augen völlig unbegründet geschlossen wurde. Die Maßnahme bringt wenig, die negativen Auswirkungen auf Wirtinnen und Wirte sind enorm.

Solange das so gemacht wird, verlieren wir viele und spalten. Wenn Meinungen sich verhärten, wird nicht mehr sachlich und fachlich diskutiert, man hört dem anderen gar nicht mehr zu. Wenn das so weitergeht, werden die Menschen noch aggressiver und die Spaltung noch größer.

Todd: Noch nicht so lange her, konnte man über ein Thema verschiedener Meinung sein, sich aber trotzdem über ein anderes unterhalten. Mittlerweile sind die Lager so verhärtet, dass man sich gar nicht mehr austauscht, die andere Seite ist automatisch der »Feind«.

Betzin: Dieser Effekt hat sich mit Corona verstärkt: egal welche Meinung man vorträgt, man wird sofort in eine Ecke gestellt. Komme ich mit den aktuellen Maßnahmen nicht klar, bin ich ein Corona-Leugner, sag ich nix, bin ich der Hammel, der blind hinterher läuft, sag ich zu viel, finde ich mich in einer radikalen Ecke wieder. Das ist ganz schlimm geworden, viele Menschen überlegen sich tatsächlich, ob sie überall frei weg ihre Meinung vertreten.

KURIER: Keine Junggesellenabschiede auf dem Ballermann, mehr Homeoffice, weniger Verkehr, Zeit für die Familie, Hilfsbereitschaft und Engagement, wie es sich niemand vorstellen konnte. Was war oder ist für Euch positiv an Corona?

Todd: Im ersten Lockdown war das tatsächlich die Entschleunigung, mehr Zeit für meine Familie zu haben. Durch den Wegfall der Präsenztermine konnte ich viele Stunden Anfahrtswege sparen, mit weniger Aufwand sogar mehr und effektiver arbeiten. Auch private Termine fielen weg, kein Hetzen von der Schule zu den Freuden, vom Fußballtraining zum Turnen ...

Ich kenne viele, die durch die Arbeit im Homeoffice und den Wegfall eines anstrengenden Arbeitsweges wirklich heruntergekommen sind. Das Leben hat sich entschleunigt, ohne an Effektivität zu verlieren. Diese Erfahrungen werden zu mehr Digitalisierung führen. Im privaten wie geschäftlichen Bereich hat man sich überlegt, mit wem man sich wirklich treffen will oder muss. Was teilweise verloren geht, ist das zwischenmenschliche Netzwerken. Dass man so zusammensitzt wie wir heute, dem Gegenüber in die Augen schaut.

Betzin: Der Wegfall der öffentlichen Termine, auch am Abend und Wochenende, war und ist natürlich schlimm für veranstaltende Vereine und das gesellschaftliche Leben. Mir hat das aber viel Zeit für die Familie gebracht. Ein weiterer Effekt ist auch, dass man sich mehr Gedanken darüber macht, welche Termine man wirklich persönlich wahrnehmen muss. Es darf natürlich nicht das Ziel sein, dass jeder allein daheim sitzt und per Videokonferenz kommuniziert. Aber ein persönliches Treffen erscheint uns jetzt wertvoller und man erlebt es bewusster. Wir müssen einen guten Mittelweg finden, zwischen effektivem digitalem und wichtigem persönlichem Austausch.

KURIER: Wie geht’s weiter? Was hofft und erwartet Ihr vom Jahr 2021?

Todd: Wir hoffen, dass das ganze 2021 vorbei ist – realistisch wahrscheinlich erst Ende nächsten Jahres. Ansonsten werden wir weiterhin auf Sicht fahren. Ich persönlich arbeitete schon über den Sommer mit 200 Prozent, weil ich einen zweiten (Teil)Lockdown vorhergesehen habe und mit einer Quarantäne rechne.

Zum Thema Impfen wird es auch wieder zwei Lager geben. Ich befürchte, dass man irgendwann zu Veranstaltungen, zum Beispiel einem Konzert, entweder einen gültigen Impfausweis oder die Corona-App im grünen Bereich vorzeigen muss.

Betzin: Als erstes hoffe ich auf eine große Rückbesinnung unserer Politiker auf faktenbasierte Entscheidungen, saubere Risikoanalyse, Überlegungen was sinnvoll ist statt Machthaber-Populismus. Das wäre mein größter Wunsch, denn dann könnte sich 2021 sehr gut entwickeln.

Einer positiven Entwicklung für Jetzendorf steht nichts im Weg. Wir haben Gott sein Dank so ein großes finanzielles Polster geschaffen, dass wir alle aktuellen Projekte umsetzten können.

 

Vielen Dank für das Gespräch. Ich hoffe, dass wir uns 2021 wieder am Frautag, bei der Gewerbeschau, auf dem Wald-Christkindlmarkt und vielen anderen Gelegenheiten wiedersehen dürfen.

Interview: Christl Horner-Kreisl

Fotos: Diana Kreisl