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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Sunday, 9. August 2020 · 03:56 Uhr
 
 
 

»Von Kurzarbeitergeld können wir nur träumen«

Ein Sommer ohne Volksfeste, Festivals und Konzerte

Während viele Unternehmen auf schrittweise Lockerung des Ausnahmezustandes hoffen können, bedeuten die Veranstaltungsabsagen bis mindestens 31. August für Bands wie die Blechblos'n ein Berufsverbot. (Foto: www.blechblosn.de)

Die Corona-Pandemie zwingt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch ganz massiv die Kultur in die Knie. Vom Indersdorfer Volksfest bis zum Dachauer Musiksommer sind unzählige Veranstaltungen abgesagt worden. »Zum ersten Mal seit 64 Jahren wird es in diesem Jahr in Karlsfeld kein Siedlerfest geben«, erklärt Festreferentin Christa Berger-Stögbauer vom Veranstalter, der Siedlergemeinschaft Karlsfeld Nord e.V. Eine ebenso bittere Nachricht überbrachte Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann: »Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Satz einmal sagen oder schreiben muss: Das Dachauer Volksfest findet heuer nicht statt«. Auch der größte eintägige Markt in Bayern, der Jetzendorfer Frautag am 15. August, fällt dem Verbot von Großveranstaltungen zum Opfer. Diese Entscheidung ist dem Jetzendorfer Bürgermeister Manfred Betzin sehr schwer gefallen: »Uns ist nicht bekannt, dass es eine solche Absage unseres Marktes seit Beendigung des 2. Weltkrieges jemals gegeben hätte«. Am Dienstag, den 21. April, wurde nun auch das Oktoberfest abgesagt und es ist zu befürchten, dass im Herbst gar keine »Großveranstaltungen« mehr stattfinden - wobei bisher niemand definieren kann, was eine Großveranstaltung genau ist.

Die Kulturlandschaft liegt am Boden

Über den ganzen Sommer sind unzählige Festivals, Open-Airs und Konzerte gecancelt worden. Die Kulturlandschaft liegt am Boden, da helfen auch ein paar Balkonkonzerte, Streams aus dem Wohnzimmer oder der Kauf von Band-Shirts nicht wirklich weiter. Und freiberuflich Kulturschaffende konnten sich bisher für keines der aufgelegten Förderprogramme bewerben.

Reinhard Unsin von der Blechblos’n bestätigt die dramatische Situation für Musiker jeden Genres: »Für meinen Beruf gilt ein monatelanges Ausübungsverbot, unsere Einnahmen sinken von 100 Prozent auf Null. Da gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden“. Man könne vielleicht zwei oder drei Monate ohne Engagement durchhalten, aber nicht ein Jahr. »Wir haben keine Gagen wie Helene Fischer, sondern verdienen eher wie der Angestellte bei MTU oder BMW«, so Unsin weiter. »Viele beschweren sich ja über 60 Prozent Kurzarbeitergeld, als Berufsmusiker können wir davon nur träumen«.

Ob und wie es weiter geht weiß er nicht und »würde heute einen Job als Nachtpförtner für 1.500 Euro annehmen, denn das sind 1.500 Euro mehr als Null«. Müssten ein oder mehrere Blechbläser aber einer Festanstellung nachgehen, würde natürlich auch die Zukunft der Band auf dem Spiel stehen. »Da kann man nicht spontan ein Konzert in Hamburg spielen. Wenn man erst sieben Chefs fragen muss, ob man am Freitag frei bekommt, wird es schwierig. Dann wäre die Blechblos’n nur mehr ein Hobby«.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Auch Christoph von Freydorf, Leadsänger der legendären Münchner Alternative/Metalband Emil Bulls, steht vor einem leeren Terminkalender für den kommenden Sommer. Was das für die Band bedeutet erzählt er dem KURIER: »Für uns sind die Konzertgagen enorm wichtig, damit finanzieren wir auch die Zeit, in der wir nicht auf der Bühne stehen, sondern neue Songs schreiben und Alben aufnehmen. Ob und wie man das kompensieren kann, das weiß momentan niemand.

Als Berufsmusiker sind wir bisher komplett unter den Tisch gefallen, wir können nichts verdienen, aber alle Kosten für das tägliche Leben sowie Proberaum und vieles mehr laufen weiter. Wir haben heute die große Hoffnung, dass wir im Oktober unsere Tour zum 25-jährigen Bandjubiläum spielen können. Wenn bis dahin wieder alles läuft, kommen wir vielleicht mit zwei blauen Augen aus der Krise raus. Wenn nicht, dann reichen die Reserven auf dem Bandkonto auch nicht ewig und der Ausfall der Sommerfestivals schlägt natürlich eine finanzielle Schneise, die mit 1.000 Euro Fördergeld pro Monat bei weitem nicht gefüllt werden kann«.

Nachdem die Kulturlandschaft in den vergangenen Wochen gänzlich unter jeden »Förder-Tisch« gefallen war, kündigte Ministerpräsident Markus Söder in seiner zweiten Regierungserklärung Anfang der Woche Hilfe an. Rund 30.000 Künstler, die auch in der Künstlersozialkasse organisiert sind, würden in den nächsten drei Monaten jeweils 1.000 Euro bekommen. Retten wird diese bescheidene Maßnahme die Kunst- und Kulturszene nicht, es ist aber wenigstens ein Hinweis darauf, dass man die Branche im Auge hat und nicht durch alle Raster fallen lässt.

Weitere Infos zu den Bands: www.blechblosn.de und www.emilbulls.de, natürlich auch auf Facebook und Instagram.