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Tuesday, 11. August 2020 · 12:49 Uhr
 
 
 

Thema Pflege – was passiert im Landkreis Dachau?

Sonja Lencik, Informationsmesse HERZSCHLAG, im Gespräch mit Landrat Stefan Löwl

Landrat Stefan Löwl im Interview mit Sonja Lencik, Mitorganisatorin der Informationsmesse HERZSCHLAG - Spür das Leben! (Foto: LA Dachau)

Schlagwörter wie Demografischer Wandel, Pflegenotstand, Bürokratie, Unterstützung im Alter und Desinformation liest man mittlerweile täglich in den Medien. Die Politik versucht im großen Feld, diesen Problemen mit Beschlüssen und Gesetzen Herr zu werden. Für die Kommunen ist es eine große Aufgabe, Lösungsmöglichkeiten und neue Ideen zu entwickeln, Angebote umzusetzen und diese in Bürgerkreisen zu verbreiten.

Dazu ein Interview mit Landrat Stefan Löwl, geführt von Sonja Lencik. Sie ist Mitbegründerin der MISS Media GbR und Veranstalterin der Informationsmesse für Pflege, Betreuung und Lebensqualität »HERZSCHLAG … Spür das Leben!«, die vom 13. bis 14. Oktober 2018 in Dachau stattfindet.

 

Sonja Lencik: Wir erleben gerade eine grundlegende Änderung in der Bevölkerungsstruktur unserer Gesellschaft. Immer mehr ältere Menschen sind auf Hilfe angewiesen, die den persönlichen Schutzraum des Zuhauses durchbrechen. Wie reagiert der Landkreis Dachau auf diese Situation?

Stefan Löwl: Wir haben als einer der ersten Landkreise schon vor einigen Jahren ein seniorenpolitisches Gesamtkonzept für den Landkreis Dachau erarbeitet und setzen dieses systematisch um. Aktuell wird die Fortschreibung des Konzepts geplant. Neben dem eigenen Fachbereich »Demographie Managen« im Landratsamt, gibt es eine Vielzahl von konkreten Aktivitäten, Maßnahmen und Projekten. Darüber hinaus beschäftigen wir uns natürlich auch mit verwandten Themen. Beispielsweise hat der Landkreis einen Armutsbericht erstellt, unter anderem mit dem Thema »Altersarmut«. Mit dem VdK haben wir die Wohnberatung im Landkreis neu nachhaltig und kompetent aufgestellt. Die Änderung in der Bevölkerungsstruktur unserer Gesellschaft trifft jedoch nicht nur die älteren Menschen. Auch die alten Familienverbände, welche viele soziale und gesellschaftliche Aufgaben generationsübergreifend erledigt haben, gibt es immer seltener. Hier versuchen wir beispielsweise mit der KoBE, also der Koordinierungsstelle für ehrenamtliches Engagement, neue gesellschaftliche Strukturen zu schaffen beiziehungsweise zu unterstützen. Diese gesamtheitliche Thematik sowie die seniorenspezifischen Fragen werden auch intensiv von den Mitgliedern im Landkreisseniorenbeirat behandelt und in die Verwaltung sowie die Landkreisgremien eingebracht.  Das Projekt »Demographie Managen«, das vom LRA Dachau iniziiert wird, hat ein Seniorenpolitisches Gesamtkonzept entwickelt, das viele einzelne Handlungsfelder beinhaltet.

Sonja Lencik: Was genau wird hier umgesetzt?

Stefan Löwl: Die einzelnen Maßnahmen und Projekte sind sehr vielfältig. Wir haben uns gerade in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema »Demenz« beschäftigt, haben als Landkreis am Bayerischen Demenz Survey teilgenommen und sind mit unserem »Handlungskonzept Demenz« nicht nur Initiator und Teil der »Lokalen Allianz Demenz« sondern auch »Demenz Partner« und versuchen, dieses Thema sowohl in der betroffenen Fachwelt, als auch im allgemeinen Bewusstsein im Landkreis zu platzieren. In Zusammenarbeit mit aktiven Akteuren im Landkreis wurden verschiedenste Zielgruppen zum Thema Demenz bereits geschult, wie zum Beispiel die Nachbarschaft von Pflegeheimen. Weitere Schulungen finden statt für die Mitarbeitenden im Landratsamt, die Seniorenbeiräte und einige Gemeinden im Landkreis werden ihren Mitarbeiter und Bürger Schulungen anbieten. Wir arbeiten mit den Seniorenbeauftragten und allen Ansprechpartnern den Gemeinden zusammen und unterstützen die Bildung von »Runden Tischen« zur Seniorenarbeit in den Landkreisgemeinden, unter anderem bietet hier unser Projekt »Lotsen im Hilfenetz« auf ehrenamtlicher Basis ein niederschwelliges Beratungsangebot vor Ort.

Um das Angebotsnetz transparenter und leichter zugänglich zu gestalten, haben wir die Seniorenseiten unserer Homepage bürgerfreundlich umgestaltet, den Senioren-Ratgeber für den Landkreis überarbeitet und eine Informationsbroschüre zum Thema Demenz beauftragt, die nach der Sommerpause erscheinen wird.

Die Aktion »Gesicht zeigen« soll zum ehrenamtlichen Engagement, gerade auch im Alter, anregen. Auch in der Vernetzungsarbeit sowie bei der Bildung von gemeinsamen Strukturen beteiligen wir uns äußerst intensiv. 

Sonja Lencik: Neben diesen Handlungsfeldern ist die Orts- und Entwicklungsplanung im Landkreis eine große Herausforderung. Volle Pflegeeinrichtungen, zu wenig Kurz- und Verhinderungstagesplätze sowie fehlende Tagespflegeplätze. Was werden Sie tun, um diese Situation zu verbessern?

Stefan Löwl: Hier sind die konkreten Handlungsmöglichkeiten des Landkreises beziehungsweise von mir als Landrat leider beschränkt. Die Orts- und Entwicklungsplanung liegt in der ausschließlichen Zuständigkeit und Verantwortung der Stadt Dachau sowie der anderen Landkreisgemeinden. Die Problematik fehlender Immobilien ist dort grundsätzlich auch bekannt, allerdings gibt es bei den wenigen geeigneten Flächen und Gebäude eine große Nutzungskonkurrenz mit anderen, ebenfalls wichtigen, Nutzungen. Die Verbesserung bzw. den Ausbau der Pflegeplätze, gerade bei Kurz- und Verhinderungstagesplätzen sowie Tagespflegeplätzen begleiten wir beratend und unterstützend sowie mit Fördermitteln des Landkreises. Ich glaube aber persönlich, dass es hier bereits einen akuten, im Landkreis ungedeckten Bedarf gibt und in den kommenden Jahren dringend weitere Einrichtungen geschaffen sowie das dafür nötige Pflegepersonal gefunden werden muss. 

Sonja Lencik: Pflegende Angehörige haben in der Politik wenig Lobby. Welche Unterstützung können Familien von der kommunalen Politik erwarten und wie unterstützt das LRA Dachau diese Gruppe?

Stefan Löwl: Die fehlende Lobby kann ich so nicht sehen. Für alle staatlichen und kommunalen Ebenen ist die Unterstützung Pflegebedürftiger und pflegender Angehöriger Auftrag und Verpflichtung. Gerade auf Landesebene wird durch das neue Landespflegegeld hier ein wichtiger Schritt gemacht. Auch im Landkreis bieten wir diverse Beratungsangebote und spezielle Hilfen im Einzelfall, wie zum Beispiel die Seniorenfachberatung oder die Betreuungsstelle mit der Beratung zur Vorsorgevollmacht. Auch die von uns bezuschusste Wohnberatung des VdK bildet einen wichtigen Baustein in der Unterstützung der Pflege zuhause. Zudem betreiben wir intensiv die Einrichtung eines Pflegestützpunktes nach dem neuen § 7c SGB XI im Landkreis Dachau. Gemeinsam mit dem Bezirk versuchen wir aktuell, die rechtlichen Voraussetzungen und notwendigen Abstimmungen mit den anderen Akteuren zu treffen. Außerdem gibt es im Landkreis die vom Sozialministerium geförderte Fachstelle für pflegende Angehörige bei der Caritas, welche intensiv nachgefragt wird und intensive Beratung und diverse entlastende Angebote für Pflegende erbringt. 

Sonja Lencik: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Haben Sie sich über Ihr Leben im Alter Gedanken gemacht? Welche präventiven Maßnahmen ergreifen Sie?

Stefan Löwl: Viele von uns verdrängen die Fragen ums Älterwerden ja gerne und ich eigne mich hier sicher auch nicht als Vorbild. Natürlich habe ich die wichtigsten Dinge und Absicherungen geregelt, gerade auch wegen und für meine Kinder. Ich bin persönlich auch der Meinung, dass selbstgenutztes Wohneigentum eine der besten Altersversorgungen ist. Daher habe ich mir bereits früh Wohneigentum angeschafft, was allerdings nur durch langjährige Einschränkungen in der privaten Lebensführung und bei Urlauben möglich war beziehungsweise ist. Außerdem stehen die Themen »Betreuungs- und Vorsorgevollmacht« bereits seit einigen Jahren auf meiner privaten To-do-Liste, aber dazu bin ich leider noch nicht gekommen. Wäre ein wichtiger Jahresvorsatz für 2019!