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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Monday, 1. June 2020 · 06:51 Uhr
 
 
 

Spagat zwischen Beziehung und Bezahlung

Befragung: Wie läuft‘s im Lockdown – digital und emotional?

Zwischen Babygeschrei und Videokonferenz - vor allem Mütter finden die Situation im Homeoffice mit Kinderbetreuung sehr belastend. (Foto: Pixabay)

Die Bildungsmanagerin für den Landkreis Dachau, Catrin Müller, hat Erwachsene, Kinder und Jugendliche zu ihrem neuen Lernen und veränderten Leben im Corona-Lockdown befragt, damit die Bildungsverantwortlichen wichtige Erkenntnisse gewinnen und entsprechende Lösungen erarbeiten können. Die Befragung hat deutlich gemacht, dass digitale Aspekte wie IT-Ausstattungen und Medienkompetenzen ausbaufähig sind und dass die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung, Homeschooling und Homeoffice überwiegend von Müttern geschultert wird. Ausnahmslos vermissten alle Befragten ihre Familien und Freunde, Ihnen wollten sie baldmöglichst wieder so nah sein können wie vor dem Lockdown. Vom 23. April bis 7. Mai wurden 65 Landkreis-Bürgerinnen und -Bürger in Telefoninterviews zu ihren Erfahrungen und Herausforderungen befragt. Sehr offen beschrieben die Beteiligten ihre unterschiedlich starken Schwankungen auf emotionaler Ebene.

Enkel vermissen Oma und Opa

Bei den Großeltern haben die gesundheitlichen Aspekte und damit verbundene Ängste deutlich mehr Raum eingenommen als bei ihren Kindern und Enkelkindern. Die Jüngeren vermissten die großelterliche Fürsorge, weil Oma und Opa für ihre berufstätigen Eltern nicht mehr einspringen konnten. Für viele Menschen im Landkreis war das ein spürbarer Verlust, vor allem als die Einrichtungen der Kleinen auf Notbetreuung umstellten und sie, die Mütter und Väter, ihre Arbeit weitgehend vom Homeoffice aus strukturieren und organisieren mussten. Besonders betroffen zeigten sich vor allem die Eltern von Förderkindern, deren heilpädagogische Maßnahmen alternativlos entfallen sind.

Mütter zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice

Die Mehrheit der Interviewteilnehmer waren Frauen. Sie haben erzählt, wie sie die Großeltern getröstet, ihren Kindern das unsichtbare Corona-Virus erklärt und ihnen beschrieben haben, warum das Fernbleiben von Anderen und den Spielplätzen funktionieren muss. Sie haben ihren Kindern das Händewaschen abgerungen und das viel zu häufige Fernsehschauen verboten. Sie haben das Miteinanderleben neu strukturiert und notwendige Abläufe organisiert. Und am Abend, wenn die Anderen im Bett waren, haben sie im Homeoffice, meistens mit einem schlechten Gewissen, noch die Arbeitsaufträge ihrer Jobs erfüllt.

»Wir haben am Anfang sehr viel gestritten, mein Mann und ich«, sagte die Mutter eines Krippenkindes und zweier Grundschulkinder, »wir waren es nicht gewohnt ständig zusammen zu sein. Wir mussten uns völlig neu organisieren«. In dieser Familie, wie in vielen anderen auch, hat die Frau zugunsten des besserverdienenden Mannes die Kinderbetreuung, die Lernbetreuung, das Ausdrucken von Lernmaterialien – teilweise auch für die Nachbarschaft – das Rückspielen der Hausaufgaben an die Schulen und die Kommunikation mit den Erzieherinnen der KiTa oder der Krippe übernommen. »Es hat lange gedauert, aber jetzt habe ich damit meinen Frieden gemacht«, erzählte eine andere Krippenkind-Mama.

Lehrer wünschen sich ihre Schüler zurück

Für viele Lehrkräfte, vor allem jene, die bislang dem Unterricht mit digitalen Medien skeptisch gegenüberstanden, war das Onlineteaching sehr herausfordernd. »Ich hätte mich zu den digitalen Fortbildungen zwingen sollen, dann hätte ich jetzt weniger Berührungsängste überwinden müssen«, so eine Lehrerin. Für die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen ist zudem deutlich geworden, dass ohne das unmittelbare körpersprachliche Feedback im Präsenzunterricht, die Wissensvermittlung für sie unbefriedigend verläuft. Es fehlte das Lesen in den Gesichtern, das sich Hineinfühlen in Schülerinnen und Schüler, was über den reinen E-Mail-Austausch nicht möglich ist. Auf die Frage nach ihrem größten Wunsch waren deshalb wohl auch die häufigsten Antworten von Lehrerinnen und Lehrern: »Ich will meine Schüler zurück«.

Mit der Auswertung der Befragung hat sich das Bedürfnis nach einer geordneten Kommunikationsstruktur herausgestellt. Für den Video-Online-Austausch war das Medienzentrum Dachau bereits aktiv und konnte am 11. Mai die kostenfreie Lösung »Big Blue Button« den Einrichtungs- und Schulverantwortlichen freischalten. Am 13. Mai erweiterte das Kultusministerium das Nutzungsspektrum für die weiterführenden Schulen. Sie können während der COVID-19-Regelungen, neben MEBIS, die Lösung office-TEAMS anwenden. Wie die Rollen- und Arbeitsverteilung für die Beteiligten beim digitalen Lehren und Lernen und in der Betreuung klar geregelt werden könnte, zeigt das bereits 2002 auf den Weg gebrachte Pandemie-Konzept der Bavarian International School aus Haimhausen. Direktorin Dr. Sorenson wird deshalb am 28. Mai ihre Erfahrungswerte mit den entsprechenden Bildungsakteuren, wie KiTa- und Schulleiter und -leiterinnen auf einer Veranstaltung des Bildungsmanagements teilen. Die Ergebnisse werden zur Bildungskonferenz am 10. Juli vorgestellt und weiterbearbeitet werden.