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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Monday, 1. June 2020 · 10:37 Uhr
 
 
 

Syrerin leitet den Rotkreuzshop

Sohn arbeitet für den BRK Fahrdienst

Syrerin Aida Al Sheik und Sohn Sulaiman Ayo, beide arbeiten für das BRK. (Foto: BRK)

Mit einem freundlichen Lächeln begrüßt Aida Al Sheik eine Kundin, fragt, ob sie behilflich sein kann. Mit prüfendem Blick schaut sie auf die ordentlich auf den Bügeln hängenden Kleidungsstücke und die nach Größen geordneten Pullover und T-Shirts. Der Laden ist hell und aufgeräumt. Auf der Theke stehen frische Rosen. Seit Februar leitet die aus Syrien stammende, ausgebildete Kinderpflegerin, ganztägig den Rotkreuzshop mit Secondhandkleidung in Markt Indersdorf. Die zierliche, dunkelhaarige Frau spricht gut Deutsch und ist beliebt. Sie hat 20 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die sie respektieren und ihre Freundlichkeit schätzen. Auch einer ihrer drei Söhne, der 32-jährige Sulaiman Ayo, arbeitet für das BRK Dachau. Er hat in Syrien und in der Ukraine Zahnmedizin studiert. Weil ihm die Approbation noch fehlt, ist das Studium in Deutschland jedoch nicht anerkannt.

Seit dem 1. Januar ist Sulaiman Ayo im BRK Fahrdienst tätig, ab Juli mit einem Vollzeitvertrag. »Darüber bin ich sehr glücklich«, betont er. Auch der BRK-Kreisgeschäftsführer Paul Polyfka schätzt die Familie Al Sheik-Ayo. »Aida Al Sheik und ihr Sohn Sulaiman bereichern unsere BRK-Familie mit ihrer weltoffenen Art und positiven Haltung. Diese Menschen haben sehr viel durchgemacht. Und das BRK Dachau kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, damit sich die Familie in Indersdorf eine neue Heimat aufbauen kann.« Aida Al Sheik lebte mit ihrer Familie in Ras al-Ayn, einer Stadt an der Nordostgrenze Syriens. »Wir hatten dort ein gutes Leben. Wir haben sehr viel verloren«, sagt Sulaiman. 2011 musste Aida mit ihrem jüngsten Sohn Dilyar vor dem Krieg in Syrien fliehen.

Der heute 21-jährige Dilyar ist von Geburt an blind. Mutter und Sohn flohen mit dem Schiff über die Türkei nach Italien und von dort aus nach Deutschland. Drei Jahre verbrachte Aida mit Dilyar im Lager an der Kufsteiner Straße in Dachau, bevor nach und nach die restliche Familie nachziehen konnte. »Wir waren jahrelang getrennt. Das war eine sehr schwere Zeit«, sagt Aida. 2013 kam ihr Mann, der Rechtsanwalt Abdullah Aziz Ayo, nach Deutschland, 2015 folgten nacheinander die beiden Söhne Yazdansher und Sulaiman.

In Markt Indersdorf fand die Familie schließlich eine Wohnung. Die Familie hat sich dort sofort gut integriert und fühlt sich in der Gemeinde sehr wohl. Wo sie konnten, unterstützten die Familienmitglieder andere Geflüchtete und übernahmen von Anfang an Dolmetschertätigkeiten im Rahmen der Betreuung anderer Asylsuchender. Dafür wurde der Familie Ayo-Al Sheikh 2016 vom Bündnis Dachau der Hermann-Ehrlich-Preis verliehen. Alle Familienmitglieder sind sehr engagiert. Aidas Mann Abdullah setzt sich in München als Jobbegleiter für Flüchtlinge und Migranten ein. Der 26-jährige Yazdansher studiert in Bayreuth Betriebswirtschaftslehre und internationale Ökonomie. Der 32-jährige Sulaiman absolvierte als Zahnmediziner in der Türkei ein Praktikum am Klinikum. Er spricht sieben Sprachen, die er zum Teil auf der Flucht lernte.

Vom Team des BRK-Fahrdienstes fühlte er sich sofort aufgenommen. Unter der Leitung von Hans Widmann fährt er Passagiere, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, mit dem BRK-Krankentransport zum Arzt, zur Dialyse oder ins Krankenhaus. Der hilfsbereite und kluge Syrer ist auch bei den Fahrgästen beliebt. Sulaiman wünscht sich, dass der Krieg in Syrien endlich aufhört, wegen der Menschen, die dort leben, und um seine Approbation als Zahnarzt nachzuholen. Wie lange er in Deutschland noch bleiben darf, weiß er noch nicht. Die Aufenthaltserlaubnis gilt zunächst für drei Jahre und läuft 2019 aus. Aida hat ebenfalls keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Die Zukunft ist also ungewiss. Aida lächelt trotzdem und freut sich jeden Tag auf ihre Arbeit im BRK-Secondhand-Laden. In ihren Augen steht, dass alles gut wird. »Wir lassen dich keinesfalls gehen«, lacht ihre Mitarbeiterin Renate Strasdun.