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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Thursday, 2. April 2020 · 01:09 Uhr
 
 
 

»Politikersprech produziert Politikerverdrossenheit«

SPD-Mann Kevin Kühnert auf unserem »dachauer regiestuhl«

SPD-Mann Kevin Kühnert zu Gast in Karlsfeld. (Foto: Sessner Dachau)
 

Kevin Kühnert ist der Shooting-Star der SPD: 2017 zum Bundesvorsitzenden der Jusos gewählt, ist er heute stellvertretender Bundesvorsitzender der Partei. Er gehört zum linken Flügel, ist ein Freund klarer Worte und scheut keine Auseinandersetzung. Seiner Mutter gefiel der englische Stürmer Kevin Keegan, ihm hat Kühnert seinen Vornamen zu verdanken. Auch er ist Fußballfan und mag den FC Bayern, Tennis Borussia Berlin und Arminia Bielefeld.

Der 31-jährige Berliner ist unterwegs auf Wahlkampftour in Bayern, kürzlich in Karlsfeld und den angrenzenden Landkreisen.

KURIER: Hatten Sie bisher in unserer Region gute Begegnungen oder trifft man auf einer Wahlkampftour nur Politiker?

 

Kühnert: Auch Begegnungen mit Politikern können gute Begegnungen sein. Im Ernst: In meiner politischen Arbeit geht es jeden Tag darum, so viel wie möglich mit Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen zu sprechen. Ich lebe zwar seit 30 Jahren in Berlin, verschanze mich aber nicht in der berüchtigten Berliner Blase. Im Schnitt bin ich mindestens jeden zweiten Tag im Land unterwegs. Besonders häufig übrigens in Bayern.

KURIER: Kürzlich haben Sie das Betreute Wohnen im Prinzenpark Karlsfeld besucht. Dort klagen die Bewohner über versprochene, aber bisher fehlende Infrastruktur wie Einkaufsmöglichkeiten und Verkehrsanbindung. Wer muss Abhilfe schaffen, die Politik oder der Investor?

Kühnert: Beide zusammen! Im gemeinsamen Gespräch ist klargeworden, dass die Menschen im Prinzenpark ihr Problem gelöst bekommen möchten und dabei nicht länger Spielball zweier Streitparteien sein wollen. Das bedeutet konkret: Die unschöne und Dreck verursachende Baugrube muss weg, ein Supermarkt wie vom Investor versprochen geschaffen werden und die Wege vom und zum Bahnhof sollen beleuchtet werden. Die Menschen vor Ort sind frustriert und auch müde vom andauernden Hin und Her zwischen den Beteiligten. Und hier kommt dann wiederum die Politik ins Spiel: Ich werde mich in diesen Tagen gemeinsam mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Schrodi an den Investor wenden und nachdrücklich dafür eintreten, dass nun gehandelt wird. Offensichtlich geht es nicht anders.

KURIER: Dachau hat einen der jüngsten SPD-Oberbürgermeister. Kennen Sie Florian Hartmann, steht ein Besuch bei ihm auf Ihrem Terminplan?

Kühnert: Florian Hartmann ist ein ideales Beispiel für das, was ich Jusos im ganzen Bundesgebiet immer wieder sage: Stellt euch zur Wahl, übernehmt Verantwortung und lasst euch nicht einreden, ihr könntet das nicht. Politik ist nämlich keine Frage des Alters, sondern des Charakters und der politischen Ideen. Und ich bin guter Dinge, dass Florian damit nach seiner ersten Amtszeit punkten kann.

KURIER: Abi geschafft, Studium abgebrochen, Politiker geworden. Was sagt Ihre Mama dazu?

Kühnert: Ich spreche wie die meisten Menschen gerne und viel mit meiner Mutter. Seit dem Erlangen der Volljährigkeit vor mehr als zwölf Jahren haben diese Gespräche aber nicht mehr zum Ziel, Zustimmung für mein Tun und Handeln einzuholen.

KURIER: 2018 wurden Sie vom Time Magazine zum »Next Generation Leader« gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Kühnert: Nichts. Ich mache wirklich nicht Politik, um irgendwelche Auszeichnungen zu bekommen.

KURIER: Sie scheuen kein offenes Wort und sagen sinngemäß Sätze wie »Sarah Wagenknecht kann auch nicht mehr Geld zum Fenster rauswerfen als Andreas Scheuer«. Lieben Sie die Provokation?

Kühnert: Der Satz war auf das durch Andreas Scheuer und die CSU verursachte Mautdesaster bezogen, das den Steuerzahler teuer zu stehen kommen wird. Eine unnötige Geldverschwendung, die mich wütend macht und die als solche benannt werden muss. Und nichts ist langweiliger als Politiker, die immer die gleichen gestanzten Sätze aufsagen. Das hat also nichts mit Provokation zu tun, sondern damit, dass die Leute auch wirklich verstehen, was ich sagen will. Denn Politikersprech produziert Politikerverdrossenheit.

KURIER: Nicht nur optisch sind Sie das Gegenteil des früheren SPD-Kanzlers Gerhard Schröder, auch dessen Agenda möchten Sie am liebsten abschaffen. Hat sich die SPD durch diese wenig soziale Politik selbst am meisten geschadet?

Kühnert: Ich bin sehr froh, dass Sie mich auch optisch als Gegenteil von Gerhard Schröder sehen, vielen Dank. Die Agendapolitik war ein vielschichtiges Paket mit Licht und Schatten. Was in den Augen vieler ehemaliger Wähler aber blieb, das war der Eindruck, ihre SPD nicht wiederzuerkennen. Und das hat die SPD selbst jahrelang gelähmt. Es hat Zeit gebraucht, das aufzuarbeiten, aber wir haben diesen Prozess im Dezember mit einem umfassenden neuen Sozialstaatskonzept zu einem guten Ende bringen können. Die SPD verharrt endlich nicht mehr in ihrer eigenen Vergangenheit.

KURIER: SPD, aber auch CDU/CSU, sind nicht mehr »die großen Volksparteien«, die automatisch die Regierung stellen. Die oft zitierte Mitte wird immer unattraktiver, sogar der rechte Rand beansprucht sie für sich. Muss die SPD ihr soziales und linkes Profil schärfen, um Wähler zurückzugewinnen?

Kühnert: Die SPD hat gerade auf dem vergangenen Parteitag genau das getan. Wir haben, wie eben schon erwähnt, endlich Hartz 4 hinter uns gelassen und durch ein besseres, sozialeres Konzept ersetzt. Man muss wissen: Da waren SPD-Mitglieder auf dem Parteitag, die hatten vor Freude Tränen in den Augen, als wir unser historisches Versprechen auf einen vorsorgenden Sozialstaat endlich erneuert haben. Das gilt es jetzt auch umzusetzen.

KURIER: Was sind Ihre nächsten Karriereziele: SPD-Parteivorsitz, Europaparlament, Bundeskanzlerkandidat… ?

Kühnert: Meine Ziele sind eine stärkere SPD und dadurch politische Mehrheiten für eine Politik, die das Gemeinwohl wieder in den Mittelpunkt stellt – und nicht die höchstmögliche Rendite einiger weniger. Wo immer ich dazu etwas beitragen kann, werde ich das tun. Dass ich dafür keinen Job brauche zeigt sich dadurch, dass ich seit 15 Jahren ehrenamtlich Politik mache.

KURIER: Haus bauen, Baum pflanzen, Hund kaufen… was macht der private Kevin Kühnert – oder gibt’s den momentan gar nicht?

Kühnert: Der private Kevin Kühnert hat während der Wahlkampftour in Bayern Sendepause, freut sich aber als Dauerkarteninhaber schon jetzt auf die Bundesliga-Aufstiegsparty von Arminia Bielefeld im Mai.